„Pal Dardai hat den Sechser im Lotto“

Als das „Gehirn der Mannschaft“ bezeichnet Hertha BSC seinen Trainer Rainer Widmayer (49). Der Schwabe, der das Team seit Anfang 2015 an der Seite von Pal Dardai kontinuierlich weiterentwickelt, ist viel mehr als ein Assistenztrainer, aber will er das auch bleiben? Im Interview spricht Widmayer über seine Begeisterung für intelligenten Fußball, eine Anfrage von Jogi Löw und eine einprägsame Erfahrung mit dem FSV Mainz 05, den Hertha heute im Olympiastadion empfängt  (17.30 Uhr, Sky).

Herr Widmayer, woran denken Sie beim Stichwort Mainz?
Da bekomme ich sofort eine Gänsehaut – mit dem FSV verbinde ich eine intensive Erinnerung. Als ich mit Pal bei Hertha angefangen habe, ging alles sehr schnell. Ankunft am Donnerstag, Abschlusstraining am Freitag – schon ging’s los. Ich kannte fast niemanden, war ja zweieinhalb Jahre draußen. Als wir dann in Mainz auf das Stadion zugefahren sind, dachte ich nur: ‚Endlich! Endlich bist du wieder dabei!‘

Hertha hat damals keinen schönen Fußball gespielt. Jetzt sind viele Fans angetan von der Spielweise der Mannschaft. Wie haben Sie die Entwicklung erlebt?
Als wir angefangen haben, gab es eine große Verunsicherung im gesamten Verein. In der ersten Phase konnten wir nicht an die Jungs herantragen, wie man Tore erzielt, die durch Kombinationen entstehen, da war es wichtig, durch gutes Verteidigen, Punkte zu holen, um in der Liga zu bleiben. Wir standen vor dem Abgrund. Durch den Klassenerhalt in der letzten Sekunde, hat der ganze Verein gelernt. Seitdem herrscht eine Aufbruchstimmung, jeder will anpacken, damit das nie wieder vorkommt.

Die Mannschaft ist jetzt gierig

Und dann?
Danach haben wir die Mannschaft weiterentwickelt, den Spielern klar gemacht, dass sie alleine keine Chance haben. Durch das Miteinander wächst das Selbstvertrauen. Die Mannschaft ist jetzt gierig, will sich entwickeln, besser Fußball spielen. Das war die Grundlage. Jetzt haben wir die Chance, das Niveau extrem hochzuhalten, aber wir dürfen nicht nachlassen.

Sie gelten als absolut fußballverrückt. Wie viele Stunden pro Tag beschäftigen Sie sich mit Fußball?
Die ganze Zeit. Dadurch, dass meine Familie in Stuttgart lebt, habe ich nach der Arbeit keine Ablenkung. Statt darauf zu hoffen, dass meine Söhne, 19 und 16, heil nach Hause kommen, schaue ich mir ein U19-Spiel an. Da kann ich auch mal aufsaugen, was andere machen, und denen gefällt es vielleicht auch, wenn mal ein Profi-Trainer zuschaut. Auf der anderen Seite bin ich dann dafür ganz bei der Familie, wenn ich in Stuttgart bin.

Sehen Sie zuweilen die Gefahr, dass Sie außer Acht lassen, sich auch mal um sich selbst zu kümmern?
Das habe ich gelernt. Früher habe ich mir sehr viel selbst aufgehalst, wollte die Probleme von allen anderen lösen. Aber das funktioniert nicht, wenn du 28 Spieler hast plus Trainerstab. Man kann nicht jedem helfen und muss für sich selbst Grenzen setzen. Früher wollte ich jedem seine Last abnehmen, die ist dann aber irgendwann bei mir hängen geblieben.

Man muss sich selbst Grenzen setzen

Dann kam Ihre Auszeit 2012-2014, in der sie erst von Hoffenheim freigestellt und dann krank wurden, was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Ich war Fußballer und Trainer. Der Körper ist mein größtes Kapital, und auf einmal bin ich verwundet worden. Ich hatte etwas am Hals – es war letztendlich gutartig und alles wurde nach der Operation wieder gut, aber das hat mich auf neue Schienen gesetzt. Vorher bin ich immer an der Grenze gelaufen und vielleicht auch ein bisschen benutzt worden. Jetzt kann ich besser abwägen, was sinnvoll ist. Das war am Anfang schwer, weil man Muster in sich trägt, die man über Jahrzehnte so abgespeichert hat. Die musste ich durchbrechen.

Hertha möchte Ihren Vertrag gerne verlängern. Bleiben Sie in Berlin?
Meine Familie ist stolz auf das, was ich mache. Trotzdem fehlt mir selbstverständlich etwas, aber ich habe damit kein Problem, wenn das jetzt noch einmal ein, zwei Jahre so weitergeht. Trotzdem: Ich muss das grundsätzlich erst einmal auch in der Familie diskutieren. In der Winterpause sind wir zum Skifahren im Montafon. Dort werden wir über das Thema sprechen.

Je höher du bist, umso dünner wird die Luft

Was reizt Sie an der Aufgabe bei Hertha?
Die Stabilität der Mannschaft ist eine ganz andere als vor zwei Jahren. Jetzt müssen wir überlegen, wie wir den nächsten Schritt machen können. Man sieht es gerade in Wolfsburg: Je höher du bist, umso dünner wird die Luft. Um dauerhaft oben zu bestehen, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir uns ausrichten. An dieser Entwicklung teilzuhaben, fände ich spannend.

Interessiert Sie nicht auch ein Cheftrainerposten?
Doch, schon.

Gab es Anfragen?
Die gab‘s, aber nie auf den Punkt. Entscheidend ist, dass es passen muss. Ich bin hier zufrieden.

Wie wäre es in Ihrer Heimatstadt Stuttgart?
Der VfB ist natürlich immer ein Thema für mich, ich war zuletzt auch beim Spiel gegen Union. Ich war dort sechseinhalb Jahre in der Ausbildung, dann ein Jahr mit Markus Babbel Trainer bei den Profis. Das bleibt immer mein Verein.

Pal Dardai hat mich beeindruckt 

So wie Hertha für Pal Dardai.
Richtig, aber er hat es noch besser. Ich musste noch knapp 20 Kilometer fahren in Stuttgart, er braucht nur zwei Minuten. Das ist ein Sechser im Lotto – und das wird einem meist erst später klar, wenn man irgendetwas anderes macht. Wenn er irgendwann einen Klub in der Champions League trainieren sollte, ist das etwas anderes, aber das kann man ja eventuell auch mit Hertha erreichen. Wenn wir die Stabilität über die nächsten zwei drei Jahre weiterentwickeln, rutschen wir vielleicht irgendwann rein.

Warum harmonieren Sie und Pal Dardai so gut miteinander?
Ich habe Pal vorher nur als Spieler gekannt. Als ich 2010 bei Hertha war musste ich ihm signalisieren, dass es wohl besser sein würde, wenn er aufhört. So etwas kann auch haften bleiben, aber Pal war nie nachtragend. Das war für mich beeindruckend.

Gerne werden Sie mit dem Sommermärchen-Duo Jürgen Klinsmann und Joachim Löw verglichen. Der eine der große Motivator, der andere der Taktiker.
Jogi Löw wollte mich mal als Co-Trainer, es gibt auf jeden Fall Ähnlichkeiten von der Art und Weise, wie wir den Fußball sehen. Klinsmann macht sehr viel mit Emotionen. Pal aber kann beides. Ich habe jetzt das Glück, mit ihm zusammenzuarbeiten. Durch ihn und durch sein U15-Engagement habe ich dazugelernt. Ich glaube, durch unsere Diskussionen sind wir beide einen Schritt weitergekommen.

Auch mit Hertha kann man Champions League spielen

Welche Mannschaften oder Trainer inspirieren Sie?
Vor dem Freundschaftsspiel gegen den SSC Neapel im Sommer habe mir deren Training angeschaut. Vom Trainer Maurizio Sarri hatte ich vorher noch nie gehört, aber der hat richtig gute Sachen gemacht.

Was haben Sie sich abgeschaut?
Ich verfolge Neapel jetzt regelmäßig und sehe ständig Abläufe, die eindeutig trainiert sind. Zusammen mit Altético Madrid, die mit außergewöhnlicher Power und Überzeugung spielen, ist Neapel mein Favorit. Beide Teams zeigen, an welchen Stellschrauben man drehen muss, damit man ein bisschen raffinierter Fußball spielt.

Wie bewerten Sie die Arbeit von Mainz-Trainer Martin Schmidt?
Ich hatte ihn zunächst nicht auf dem Zettel. Er kommt ja aus der Schweiz, hat auch viele andere Sachen gemacht – daher ist es zu bewundern, wie er es macht. Dieses Engagement vorzuleben und etwas zu erreichen ist das Eine, das zu bestätigen das Andere. Das müssen und wollen wir auch.

Mainz hat den Sprung in die Europa League geschafft. Hertha nicht. Neidisch?
Wären wir weitergekommen im Europapokal, wäre es uns ähnlich ergangenen wie Mainz jetzt. Ich hätte die Erfahrung gerne mitgenommen, aber ob wir jetzt 21 Punkte gehabt hätten, würde ich bezweifeln.

Ihre eigene Europapokal-Teilnahme scheiterte an der schwachen Rückrunde. Warum hat es nicht mehr so geklappt und welche Lehre haben Sie daraus gezogen?
Die Umstände waren so – und das wird wieder genauso sein –, dass bis auf Bayern und Dortmund, Ende März vier Mannschaften international ausscheiden. Dann haben die einen richtig guten Kader in der Breite und legen alles in die Bundesliga. Darauf wollen wir uns vorbereiten, damit wir nicht das gleiche erleben, wie in der Vorsaison. Wir haben jetzt mehr Stabilität und Erfahrung als im vergangenen Jahr. Das wird uns helfen.

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Journalistin aus Berlin