Wenn der Pokal zur Toilette muss

Völlig losgelöst feiern die Füchse im Partyzug nach Berlin den lang ersehnten Handball-Titel. Die eine oder andere Kontrolleurin ist genervt ob der feierwütigen Handballer.

Am Sonntagabend erlebten die fünfjährige Nele und der drei Jahre alte Torben eine ungewöhnliche Bahnfahrt: Als sie mit ihrem Vater in Hamburg Dammtor in den ICE 1723 nach Berlin stiegen, trafen sie auf eine Gruppe hochgewachsener, kräftiger Männer, die ausgelassenen mit einem silbernen Pokal durch den Speisewagen tanzte.

Torben schaute ein wenig irritiert, bis eine Durchsage für Aufklärung sorgte: „Wir gratulieren den Füchsen Berlin zum Sieg beim Deutschen Handball Pokal und bitten alle Fahrgäste um Verständnis, wenn im Bordrestaurant ein bisschen gefeiert wird“, schnarrte es aus dem Lautsprecher. Die eine oder andere Kontrolleurin war etwas genervt ob der feierwütigen Handballer, doch wer konnte es den Füchsen verübeln, schließlich hatten sie gerade den ersten Titel in der Vereinsgeschichte gewonnen. In einem an Spannung kaum zu überbietenden Finale hatten sich die Berliner in der Hamburger Arena gegen die favorisierte SG Flensburg-Handewitt durchgesetzt (22:21).

Kapitän Iker-Romero drehte Pirouetten im Gang, Linksaußen Fredrik Petersen wurde es in seinem T-Shirt schnell zu warm und Torhüter Petr Stochl verschwand zwischendurch sogar mit der begehrten Trophäe auf der Toilette. „Der muss auch mal pinkeln“, sagte er. Vor einigen Wochen noch hatte Stochl verkündet, er wolle endlich mal einen Titel mit den Füchsen gewinnen, immerhin spielt der tschechische Nationalspieler bereits seit 2006 in Berlin, hat den Klub von der zweiten in die erste Liga begleitet. Nun wollte er den heiß ersehnten Pokal nicht mehr aus den Händen geben.

Zu Tränen gerührt

So wie Stochl, hat auch jeder andere Spieler seinen besonderen Bezug zum diesem Pokalsieg: Sei es Markus Richwien, der ebenfalls seit 2006 dabei ist und den Klub zum Saisonende verlässt, Sven-Sören Christophersen, der zwar verletzungsbedingt noch immer nicht eingreifen konnte, die Mannschaft aber enthusiastisch zum Sieg gebrüllt hatte, was seine heisere Stimme verriet. Für Silvio Heinevetter, der in den vergangenen Jahren mehrere lukrative Angebote anderer Vereine ausgeschlagen hatte, war es eine Genugtuung, sich endlich mit einem Titel schmücken zu können und die drei Nachwuchsathleten Paul Drux, Jonas Thümmler und Fabian Wiede konnten mit dem ersten Titelgewinn im Männerbereich nahtlos an ihre Erfolge in der A-Jugend anknüpfen.

Rückraumregisseur Bartlomiej Jaszka war zu Tränen gerührt und auch der kroatische Olympiasieger Denis Spoljaric, dessen glanzvolle Abwehrarbeit oftmals nicht ausreichend gewürdigt wird, konnte endlich mal wieder einen Titel feiern. Besonders wichtig war es auch Spielführer Iker Romero, die Mannschaft in seiner letzten Spielzeit für die Füchse zum Sieg zu führen. Noch in der Halle stehend, lachte der Spanier über den Konfettiregen, der sich über ihn ergoss und sagte: „Wenn eine Mannschaft diesen Pokal verdient hat, dann diese.“

Dabei hätte zu Saisonbeginn wohl kaum jemand auf die Berliner als Pokalsieger getippt. Sechs Spieler hatten den Klub am Ende der vergangenen Spielzeit verlassen, darunter Leistungsträger wie Torsten Laen, Ivan Nincevic, Johannes Sellin und Evgeni Pevnov. Dafür hatte Manager Bob Hanning drei Schweden verpflichtet, von denen zwei noch nie in der Bundesliga gespielt hatten, dazu mit Wiede und Thümmler zwei Nachwuchskräfte aus der A-Jugend. Mehrmals war der bislang größte personelle Umbruch der Mannschaft kritisiert worden, aber „Veränderungen mussten her“, sagte Bob Hanning und der Erfolg, den er nun in Hamburg feiern konnte, gibt ihm Recht.

Ungeplanter Erfolg

Dass Hanning gern Recht behalt, ist bekannt, am Sonntag aber, als er in seinem karierten Hemd und der extra für das Finale ausgewählten grünen Füchse-Hose vor seiner Cola saß, machte sich eine besondere Zufriedenheit in seinem Gesicht breit: Die Freude über einen Erfolg, der ausnahmsweise mal nicht geplant war. Den ersten Titel der Vereinsgeschichte ausgerechnet in der Hansestadt zu erringen, sei zudem eine „besondere Genugtuung“, gab Hanning zu. An gleicher Stelle unterlag der Manager mit seinem damaligen Klub HSV Handball vor genau zehn Jahren im Pokalfinale der SG Flensburg-Handewitt.

Außerdem wurden die Füchse ebenfalls in der Hamburger Arena noch vor wenigen Wochen von HSV-Geschäftsführer Andreas Rudolph der Unsportlichkeit bezichtigt, weil sie ihren jungen Spielern im Ligaspiel verhältnismäßig viele Einsatzzeiten gewährt hatten. Jenen Spielern, die sich am Wochenende im Halbfinale gegen die MT Melsungen und auch im Finale auszeichnen konnten. „Ich denke, die Spieler haben jetzt bewiesen, dass sie würdig sind, in der Hamburger Arena zu spielen“, sagte Hanning.

Ruhe für Silvio Heinevetter

Der 46-Jährige lächelte zufrieden. Er saß nicht im Bordrestaurant, wo Spieler, Trainer und Betreuer sich der laustarken Feierei hingaben, sondern in dem angrenzenden, etwas ruhigeren Abteil, das auch der Vater von Torben und Nele für die Fahrt gewählt hatte. Und während auf dem Mobiltelefon des Füchse-Geschäftsführers zahlreiche Glückwunschnachrichten eintrafen, setzte dieser sich zu der fremden Familie an den Tisch und las Nele und Torben die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz vor. Die beiden Kinder staunten nicht schlecht, als kurze Zeit später auch noch Nationaltorhüter Silvio Heinevetter neben ihnen Platz nahm, der für einige Minuten dem Trubel im Bordrestaurant entkommen wollte.
Von dort ertönte zum wiederholten Mal ein lautstarkes: „Schalalala…schalalalalalala“, angestimmt von Trainer Dagur Sigurdsson. Dem sonst so kontrollierten Isländer wollte das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht weichen, er wirkte wie entfesselt. Schließlich ist auch von dem 41-Jährigen nun ein enormer Druck gewichen. Der erste Titel steht schon zu Buche, die Qualifikation für den EHF-Cup ist gesichert und in fünf Wochen hat der Klub schon die nächste Chance an, ein Final Four zu gewinnen, wenn es in der Max-Schmeling-Halle um den EHF-Pokal geht.
Grund genug für Torben und Nele, wieder einmal in den Zug von Hamburg nach Berlin zu steigen ¬ auch, wenn diese Fahrt dann mit Sicherheit etwas ruhiger wird.

Der Text wurde am 14. April 2014 in der Berliner Zeitung veröffentlicht.

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