Der letzte Gast im Olympiastadion

Was tun, wenn man nach einem Herthaspiel nach Hause möchte? Einfach gehen – oder? So einfach ist das manchmal gar nicht.

Langsam leerte sich der Raum. Ein Kollege nach dem anderen machte sich auf den Heimweg, manche bedachten mich mit einem verschmitzten Lächeln: „Frohes Schaffen noch.“ Die kennen das schon vom Handball. Ich bin fast immer die Letzte, die im Presseraum an ihrem Text sitzt. Inzwischen darf ich auch über Fußball schreiben, das heißt aber nicht, dass ich schneller geworden bin.

Seit gut zwei Jahren bin ich als Sportjournalistin unterwegs, habe dabei auch schon des Öfteren Texte direkt mit Spielende geschickt – sei es Handball, Volleyball oder Fußball. Manchmal aber, und natürlich auch gerade dann, wenn ich etwas mehr Zeit habe,  möchte ich besonders schöne Formulierungen finden – schließlich soll es sich dann auch so lesen, als habe der Schreiber sich zwei Stunden Zeit genommen und nicht alles hektisch zusammengeklatscht. Dann denke ich noch einmal über das Spiel nach und grüble, ob ich tatsächlich alles richtig interpretiert habe – möchte allem gerecht werden und bloß keinen peinlichen Fehler einbauen.

Das dauert seine Zeit, also kam mir auch erst zwei Stunden, und viele unzufriedene Momente später die Idee, vielleicht doch langsam mal den Heimweg anzutreten. Unterstützt wurde dieser Einfall von dem Cateringpersonal, das begann, die Tische um mich herum von Flaschen und Servietten zu befreien.

Ein sorgenvoller Gedanke

Außerdem regte sich während des Schreibens immer wieder ein sorgenvoller Gedanke: Hoffentlich komme ich noch raus aus dem Olympiastadion. Beim letzten Mal schaffte ich es gerade noch, bevor der Sicherheitsbeauftragte das große Gitterschloss zuschnappen ließ. Der Mitarbeiter vom Catering unterbreitete mir auf Nachfrage eine komplizierte Beschreibung in die Freiheit, die ich mir auf meiner linken Handinnenfläche notieren musste, um überhaupt etwas davon zu behalten. Dazu muss man wissen: Schon allein den Presseraum des Olympiastadions zu finden, ist selbst für Geübte eine Herausforderung. Ich war inzwischen sechs Mal da, und immer wieder vergesse ich, wann ich nach oben und wann nach unten laufen muss.

Todesmutig lief ich los, und plötzlich stand ich draußen – fragte mich nur wo. Meine Orientierungshilfen sind die Olympischen Ringe oder das Südtor, beides konnte ich nicht sehen, also begab ich mich aus Mangel an geografischen Kenntnissen einer spontanen Eingebung folgend nach links.  Als ich schon glaubte, das Ziel erreicht zu haben, denn die das Osttor kennzeichnenden fünf Ringe tauchten tatsächlich vor mir auf, hielt ein Wagen neben mir: „Das Osttor ist nicht mehr besetzt, sie müssen in die andere Richtung gehen, zum Jesse Owens-Platz.“

Am Zaun entlang

Achje, wo war der denn gleich nochmal,  schon mal beim Umrunden des Olmypiastadions ein Straßenschild gesehen? Er wies mir die Richtung, aus der ich gerade gekommen war, und bedeutete mir, dass ich wohl noch ein Stückchen zu laufen haben würde. „Am Zaun entlang, dann kommt man direkt zu dem offenen Tor.“ Aha, am Zaun entlang. Hmm, am Zaun entlang? Warum eigentlich, könnte ich nicht, wenn ich schonmal da bin, auch gleich über den Zaun rüber? Ich verspürte nämlich wenig Lust auf weitere Spaziergänge, zumal ich gleiche Strecke außerhalb des Stadions wieder zurücklaufen müssen, um zur U-Bahn zu gelangen.

Intelligenterweise stellte ich die Frage nicht laut, sondern begab mich in Richtung Zaun, wartete, bis das Auto sich entfernt hatte, und debattierte kurz mit mir selbst, ob die Überquerung des Stadionzaunes wohl unbeschadet möglich sei. Dazu muss man sagen, dieser Zaun ist ungefähr 2, 50 Meter hoch, oben läuft er spitz zusammen und biegt er sich einem nochmal entgegen. Doch die Faulheit war größer als die Bedenken, also kletterte ich hinauf. Oben angekommen dauerte es ein wenig, bis ich das gebogene Stück mit den spitzen Enden überquert hatte. Dabei stellte ich mir vor, was wohl passieren würde, wenn jetzt jemand den Weg entlang komme und ich ganz unauffällig drei Meter über dem Boden hing. Jetzt bloß nicht lachen.

Wohin mit der vollen Blase

Auf der anderen Seite gab es keine Möglichkeit, den Fuß abzustellen, also hielt ich mich fest, ließ mich dann langsam mit ausgestreckten Armen hinab und sprang. Geschafft. Zufrieden grinste ich. Das ging ja schneller als gedachte, nun machte sich aber ein anderes Bedürfnis bemerkbar. Nach Abpfiff hat das Schreiben einfach die höchste Priorität, und da die Toiletten meist zügig nach Spielende geschlossen werden, hatte ich schon des Öfteren das Vergnügen, entscheiden zu müssen, ob ich die volle Blase noch bis nach Hause transportiere oder sie im Grünen entleere.

Der Parkplatz vor dem Stadion bietet sich dafür geradezu an, vor allem, wenn man so lange geschrieben hat, dass sich dort tatsächlich keine Menschenseele mehr aufhält. Nach meiner illegalen Zaunkletteraktion besudelte ich also noch den Besucherparkplatz, schwang mich in die Bahn und fuhr endlich nach Hause.

Manchmal beneide ich die Kollegen, weil sie schon zu Hause sind, wenn ich noch tippe, weil sie erfahrener und geübter sind, und die Dinge möglicherweise zügiger kombinieren. Dafür verpassen die allerdings auch solche Erlebnisse.

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