In 220 Tagen nach Berlin

Tarek Bidawi floh vor dem Krieg in Syrien. Sein Weg führte über den Libanon und die Türkei, Griechenland, Albanien, Italien und Frankreich. Als sein Boot kenterte, schwamm er vier Stunden durch das Meer, doch als er in Deutschland ankam, fand er nicht das vor, was er erwartet hatte.

Eigentlich sind Deutsche lieb. Diesen Satz hat Tarek Bidawi mit dickem Filzstift auf einem Zettel notiert und an die Wand seines Zimmers gehängt. Daneben stehen einige grammatikalische Übungsformen: Der Hund, mein Hund, seine Katze. Der Satz über die Deutschen sticht aber hervor, Tarek Bidawi hat ihn noch einmal umrandet, so als müsse er sich seine Bedeutung immer wieder ins Gedächtnis rufen.

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Deutsch lernen von der Tapete

Tarek Bidawi ist 31 Jahre alt. Er kommt aus Damaskus. Seit März lebt er in Berlin. Das Erste, was er von sich erzählt, ist folgendes: „Ich habe zwei Masterabschlüsse und arbeitete in Syrien als Trade Finance Manager.“ Sein akademischer Status ist ihm wichtig, denn Flüchtlinge wie er würden oft als ungebildet und verwahrlost abgestempelt. „Manche Leute sind so engstirnig. Ich weiß nicht, warum sie uns so sehr hassen“, sagt er.

Flucht vor dem Militärdienst

Syrien zu verlassen fiel ihm nicht leicht. „Ich hatte einen tollen Job bei einer Bank, und ich hatte Freunde – eigentlich hatte ich alles“, sagt er. Alles, nur keine Freiheit. Der Krieg schränkte sein Leben immer stärker ein. Bomben detonierten in seiner Nähe, auf den Straßen patrouillierten stets schwer bewaffnete Männer, und dann war da noch dieser Brief: Tarek Bidawi hatte von der Regierung die Einberufung zum Militärdienst erhalten. „Als ich den Brief bekommen habe, wusste ich, dass ich weg muss“, sagt er. Denn Tarek reagierte nicht auf den Bescheid, und lebte fortan in ständiger Angst, an einer der Grenzstationen innerhalb der Stadt festgenommen zu werden. Er konnte eigentlich nur noch zur Arbeit gehen, weil seine Bank ein Abkommen mit der Regierung hatte, das die sichere Ankunft der Arbeitnehmer im Unternehmen gewährleistete.  „Außerhalb der Arbeitszeiten, konnte ich das Haus eigentlich nicht mehr verlassen“, sagt er.

Fast ein halbes Jahr brauchte er, um jemanden zu finden, der ihn über die Grenze nach Libanon schmuggelte. Man findet diese Fluchthelfer im Internet. „Das ist total üblich“, sagt der 31-Jährige. Er schaffte es zunächst bis in die Türkei, wohin auch sein acht Jahre älterer Bruder geflüchtet war. Bidawi wollte aber lieber nach Deutschland. Mit seinen Freunden träumte er schon länger davon. „Wir dachten, die Deutschen verstehen, wie sich das Leben verändert, die wissen, was es bedeutet, wenn Krieg herrscht“, sagt er.

Vier Monate dauerte es, bis der Syrer es endlich in sein Traumland geschafft hatte. Ausgerechnet zum Karnevalsbeginn am 11. November erreichte er Köln. Alles war bunt, international, die Menschen fröhlich. Bidawi konnte sein Glück kaum fassen. Die Freude währte aber nur kurz, denn nach der Registrierung im Grenzdurchgangslager Friedberg, wurde er nach Thüringen geschickt.

Der schlimmste Ort der Welt

Zwischen November 2014 und März 2015 durchlief er die Stationen Eisenberg, Suhl und Unterwellenborn. Nie, sagt er, habe er so viel Angst gehabt, wie in diesen Flüchtlingscamps − weder bei einer seiner nächtlichen Wanderungen über die nächste Landesgrenze, noch als er vier Stunden lang durch die Ägäis nach Griechenland schwamm, und auch nicht, als er danach auf sein Handy blickte und das Satellitenbild ihm kurzzeitig vorgaukelte, er würde sich noch immer in der Türkei befinden. „Das war ein schrecklicher Moment“, erinnert er sich.

Berliner Zeitung l Rita Böttcher
Von Damaskus bis Berlin in 202 Tagen Grafik: Berliner Zeitung l Rita Böttcher

Schlimmer aber fand er die Flüchtlinslager in Thüringen.  „Eisenberg ist kein Camp, das ist ein Gefängnis“, sagt er. Überall Stacheldraht, und in den Räumlichkeiten wimmle es von Ratten und Müll. Schlimmer als die hygienischen Bedingungen fand Bidawi aber den Umgang mit den Menschen. „Man wird einfach nicht informiert. Niemand redet mit einem. Man steckte mir eine Spritze in den Arm, ich wusste überhaupt nicht, was da passiert“, beklagt er. Dabei spricht Bidawi fließend Englisch − anders als offenbar die Mitarbeiter in den Flüchtlingsheimen. „Ich erwarte ja nicht, dass jemand meine Sprache spricht, aber es ist doch verrückt, dass an einem Ort, der extra für Ausländer eingerichtet wird, alle nur Deutsch sprechen“, sagt er.

In Suhl war es auch nicht besser.  Hier grauste es  Bidawi vor allem vor dem Weg in die Stadt. Stets habe er feindselige Blicke geerntet, und einmal sei er sogar von Einheimischen mit Müll beworfen worden, erzählt er. Doch es kam noch schlimmer: „Pegida-Anhänger wollten das Heim anzünden. Da dachte ich, dass es ein großer Fehler war, nach Deutschland zu kommen.“ 7 000 Euro hat ihn die Flucht in sein Wunschland gekostet, doch zumindest Thüringen wollte er so schnell wie möglich verlassen.

Das Geschäft mit den Flüchtlingen

Die Feindseligkeit macht Bidawi zu schaffen. „Die Regierungen sollten besser verdeutlichen, warum sie Flüchtlinge aufnimmt, die machen das ja nicht nur aus Nächstenliebe. Ich mag nicht, dass es zum Beispiel immer heißt, die Türken helfen den Syrern so sehr. Es kommen viele reiche Menschen, Ärzte und Ingenieure in das Land, und die Türkei braucht diese Leute“, sagt er.

Stattdessen gibt es viele, die an den Heimatlosen ihr Geld verdienen. Die Fluchthelfer, zum Beispiel, die in professionellen Organisationen arbeiten. Dann die Hotels, die mit denen zusammenarbeiten. Hotels, in denen auch Bidaei teilweise wochenlang auf neue Anweisungen gewartet hat. „Außerdem  bekommen die aufnehmenden Länder für jeden Flüchtling Geld von den United Nations – nur die Flüchtlinge sehen davon nichts. Ich habe auch nie jemanden von den United Nations gesehen, niemand, der mich mal gefragt hätte, wie es mir geht. Ich wollte ja gar nichts von denen haben, ich wollte nur meine Geschichte erzählen“, sagt Bidawi.

Doch überall wurde nur nach seiner Religion gefragt. „Ich war darüber geschockt. Bevor einer gefragt hat, ob alles in Ordnung ist, oder man etwas zu trinken braucht, wollen sie wissen, ob ich Moslem oder Jude bin − und was, wenn ja? Bringen die mich dann um?“, fragte er sich.

Endstation Großstadt

Als er es in Thüringen nicht mehr aushielt, dachte er oft an seine Ankunft in Köln, und das möglicherweise freiere Leben in einer Großstadt.. „Ich wollte unbedingt nach Berlin, weil das eine internationale Stadt ist“, sagt er. Zu dem Zeitpunkt war er in Unterwellenborn stationiert. Dort hätte er sich eine Wohnung suchen können. Wenn man als Flüchtling aber außerhalb des einem zugewiesenen Gebietes leben möchte, muss man eine offizielle Adresse vorweisen. „Aber ich kannte dort ja niemanden.“

Tarek Bidawi lebt jetzt in Schöneberg
Tarek Bidawi lebt jetzt in Schöneberg

Zwei Monate lang versuchte Bidawi einen Ausweg zu finden, dann erhielt er Hilfe: Ein Freund stellte via Facebook den Kontakt zu Siegfried Huber her. Der Berliner wollte ihm gerne helfen. „Ich vermiete ja ohnehin immer ein Zimmer in meiner Wohnung im Sommer und habe mir gedacht, das könnte mit ihm gut passen“, sagt Huber. An Mietzahlungen war zunächst aber nicht zu denken, denn Bidawi machte erst einmal Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie: Auch im Jobcenter sprach niemand Englisch mit ihm, Amtssprache ist Deutsch, heißt es. Stapel von Formularen – ebenfalls auf Deutsch – erhielt er zum Ausfüllen. „Die habe selbst ich nicht verstanden“, sagt Huber.

Bidawi lernt nun Deutsch am Computer und aus dem Fernsehen. Dabei stieß er auf das Lied „Atemlos“ von Helene Fischer. „Das hat mir gefallen, also habe ich versucht, es zu übersetzen“, sagt er. Bidawi gibt nicht auf, sein Traum ist es, in Berlin wieder in einer Bank zu arbeiten. Manchmal verlässt ihn aber der Mut. „Da denke ich, was ist denn das für ein Leben: Ich habe keine Arbeit, keine Freunde und bin alleine in dieser großen Stadt.“ Doch ganz allein ist Bidawi ja nicht. Er hat Siegfried Huber, der ihn zum Jobcenter begleitet, und seit zwei Monaten geduldig auf die Miete wartet. „Ich bin ihm so dankbar“, sagt Bidawi. „Seinetwegen werde ich meine Meinung über die Deutschen wieder ändern.“ Als er das hört, muss Huber schmunzeln. „Eigentlich bin ich ja Österreicher“, sagt er.

Der Texte wurde in kürzerer Fassung  in der Berliner Zeitung vom 18. Mai 2015 veröffentlicht.

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