Keine Übermannschaft

Beim ersten Pflichtspiel unter Thomas Tuchel zeigt sich: Borussia Dortmund hat unter dem neuen Trainer noch nicht zur alten Stärke zurückgefunden. 

KLAGENFURT. Breitbeinig baute sich der Klagenfurter Hausbesitzer vor seiner Einfahrt auf und starrte erzürnt die stetig anwachsende Menge Bier trinkender Männer an, die sich vor seinem Eigenheim herumtrieb. Einige Dortmund-Anhänger, die extra aus Deutschland angereist waren, um ihre Borussia in der dritten Qualifikationsrunde der Europa League im Wörthersee Stadion zu erleben, glaubten nämlich, ihre Blasen unbedingt in den hochgewachsenen Sträuchern der Anrainer entleeren zu müssen. „Diese dämlichen Fußball-Fans“, fluchte eine Nachbarin.

So genervt einige Klagenfurter von der ungewohnt großen Ansammlung an Fußballbegeisterten waren, so sehr freuten sich der Wolfsberger AC und die 30.250 Fans im ausverkauften Stadion über die Begegnung mit dem einstigen Champions-League-Sieger. Das Spiel gegen den BVB ist das bislang größte Ereignis der Wolfsberger Vereinsgeschichte, und der Kärntner Klub, der erst seit 2012 in Österreichs höchster Spielklasse antritt, machte trotz der 0:1-Niederlage im Hinspiel eine gute Figur.

Fehlende Effektivität

„Wenn man nur die letzte halbe Stunde betrachtet, wäre vielleicht ein eins zu eins gerecht gewesen“, sagte Thomas Tuchel nach der Partie. Dortmunds Trainer war sichtlich erleichtert, dass er bei seinem ersten Pflichtspiel in Schwarz-Gelb kein Unentschieden oder gar eine Niederlage gegen einen Verein rechtfertigen musste, dessen Gesamtetat gerade einmal neun Millionen Euro beträgt.

Thomas Tuchel bei der Pressekonferenz im Wörthersee Stadion
Thomas Tuchel bei der Pressekonferenz im Wörthersee Stadion

So richtig überzeugend traten die Dortmunder nämlich nur in den ersten zwanzig Minuten auf, das Tor zum 1:0 von Jonas Hofmann eingeschlossen. Danach zeigten die Profis von der Ruhr wie schon in der vergangenen Saison, dass ihnen ab und an die nötige Effektivität vor dem gegnerischen Tor fehlt. Auf eine perfekte Ballannahme von Marco Reus kurz vor der Strafraumgrenze folgte nichts (52.) und der durch Henrikh Mkhitaryans Aufmerksamkeit eingeleitete Konter endete in einem Flüchtigkeitsfehler von Pierre-Emerick Aubameyang, der sich den Ball zu weit vorlegte (69.). „Wir haben es zu Beginn der zweiten Hälfte verpasst, das zweite Tor zu machen. Dann wäre uns das Spiel vielleicht auch leichter gefallen“, analysierte Tuchel.

Aus dem Dornröschenschlaf geweckt

Stattdessen verhalfen seine Spieler dem Team von Dietmar Kühbauer und den zwischenzeitlich in einen Dornröschenschlaf gesunkenen Zuschauern mit ihrer Halbherzigkeit zu neuem Schwung. Zweimal landete der Ball nach einer Ecke beinahe im Tor von Roman Bürki, weil die BVB-Defensive Tadej Trdina schon fast fahrlässig viel Raum für seine Kopfbälle einräumte. Dieses Defizit erkannte Tuchel auch an: „Wir müssen dringend unsere Abwehrarbeit bei Standardsituation verbessern, das hatten wir auch vorher schon angesprochen“, sagte er.

Wichtig war ihm aber auch zu betonen, dass die Mannschaft ja gerade erst das Trainingslager beendet hatte und außer Mats Hummels noch kein Spieler eine Partie über die volle Länge von 90 Minuten gespielt habe. „Dass man dann in den letzten zwanzig Minuten mal einen Schritt zu wenig macht und dann Räume entstehen ist auch dadurch bedingt“, sagte er. Der Anspruch der Dortmunder sollte aber schon sein, kurz vor dem Saisonstart ein höheres athletisches Niveau zu haben als ein Bundesligist aus Österreich, der zum ersten Mal im europäischen Wettbewerb antritt.

Keine Pasta mehr

Vielleicht hätte der für Askese bekannte Thomas Tuchel auch nicht die Pasta- und Pizzalieferungen von Dortmunds über Jahre etabliertem Lieblingsitaliener von der Tagesordnung streichen sollen. Dem einen oder anderen Spieler scheint die Extraportion Kohlenhydrate zu fehlen. Das 1:0 ordnete Tuchel dann aber noch als psychologisch wertvoll ein: „So ein Sieg, bei dem man auch auf Widerstand stößt ist ein guter Schritt zur richtigen Wettkampfhärte ­ besser als wenn man einfach so 3:0 gewinnt“, sagte er.

Für das Rückspiel am 6. August verlangt er aber eine Topleistung. „Es würde mich wundern, wenn wir weniger brauchen als das“, sagte Tuchel, denn auch die Wolfsberger haben sich motiviert durch dieses knappe Ergebnis einiges vorgenommen: „Es tut gut zu sehen, dass wir mithalten konnten“, sagte Wolfsbergs Kapitän Michael Sollbauer. Gleichzeitig ärgerte er sich: „Eigentlich wäre noch mehr drin gewesen. Die Chancen müssen wir machen. Das ist auch keine Übermannschaft.“

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