Raus aus dem Schatten

Andere Spitzensportler werden ihn bei den Olympischen Spielen nicht erkennen, sein Gehirn funktioniert nicht für Sprachen und sein Bruder kann ohnehin alles besser. Volleyballer Erik Shoji hat eine ziemlich bescheidene Meinung von sich selbst, dabei hat  der aus Hawaii stammende Libero der US-amerikanischen Nationalmannschaft mit seinen 26 Jahren schon einiges erreicht. Bei seiner ersten Olympiateilnahme will er vor allem dafür sorgen, dass der Sport in den USA mehr Popularität erfährt.

Erik Shoji steht am Tresen und überlegt. „Ein Rührei wäre toll, Susan, aber nur, wenn es nicht zu viel Arbeit macht“, sagt der Volleyballspieler. Susan Reed-Neumann, die Inhaberin des Feinkost-Cafés in Charlottenburg, winkt ab. „Kein Problem, Darling“, sagt sie und wischt sich die Hände an der Schürze ab. Sie bereitet gerade Nachspeisen für eine Abendveranstaltung vor, für ihren Stammgast nimmt sie sich aber gern Zeit.

Das Talent für den Sport liegt in der Familie

In den USA wären sich Susan Reed-Neumann und Erik Shoji (26) wohl niemals über den Weg gelaufen. Er kommt aus Hawaii, sie aus dem 8.000 Kilometer Luftlinie entfernten Vermont. Hier in der Sophie-Charlotte-Straße, nur einen Steinwurf von Shojis Wohnung entfernt, bedeutet das Café seiner Landsfrau ein kleines Stück Heimat für den US-amerikanischen Nationalspieler. „Das Essen ist super, ich komme so gern her, auch, weil ich hier Englisch sprechen kann“, sagt Shoji.

Das Talent für Volleyball wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Vater Dave ist seit 40 Jahren Coach des Hawaiianischen Universitätsteams, Schwester Cobey (36) ist Director of Volleyball Operations an der Universität Stanford. Shoji stand drei Jahre gemeinsam mit Bruder Kawika (28) für Stanford auf dem Feld. Nach seinem Abschluss in Naturwissenschaften musste er sich aber, genau wie sein Bruder, einen Job im Ausland suchen, denn in den USA gibt es keine Volleyball-Profiliga.

In den USA gibt es keine Profi-Liga für Männer

„Neben American Football, Baseball und Basketball ist dafür kein Geld da“, sagt Shoji. Eine Saison spielte er bei Chemie Volley Mitteldeutschland, dann beim österreichischen Erstligisten Hypo Tirol Innsbruck, bevor Bruder Kawika, 2011 bis 2015 Zuspieler der BR Volleys, ihn 2014 nach Berlin lotste.

Seit zwei Jahren lebt er als Libero der BR Volleys in der deutschen Hauptstadt. Shoji mag Berlin, die Sprache aber liegt ihm weniger. „Ich glaube, ich habe eine Problem mit Sprachen, irgendwie funktioniert mein Gehirn dafür nicht richtig“, sagt er. Mit Bruder Kawika, der inzwischen für den türkischen Klub Arkas Izmir spielt, kann er sich nun nicht mehr täglich auf dem Feld austauschen, dafür hat er in Paul Lotman, Außenangreifer des US-Teams, der seit dieser Saison in Berlin spielt, einen Ersatz gefunden.

Im Nationalteam spielen ist für die US-Amerikaner gleich Heimat

Die amerikanischen Nationalspieler haben ein sehr enges Verhältnis zueinander. Da sie aufgrund der fehlenden Möglichkeiten in ihrer Heimat über alle Länder der Welt verstreut leben, hat das Nationalteam für sie eine besondere Bedeutung. „Wenn wir alle zusammenkommen, ist so eine Energie da, das ist ein richtig enges Band“, sagt Shoji. Diese Energie entlud sich im September, als das Team zum ersten Mal seit 1985 den Weltpokal in die USA holte und sich damit für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifizierte.

Für erhöhtes Interesse in seinem Heimatland hat das aber nicht gesorgt, weiß Shoji. „Ich glaube, die Bevölkerung weiß nicht mal, dass wir den Cup gewonnen haben.“ Olympische Spiele haben bei den Amerikanern aber einen höheren Stellenwert, deshalb hofft Shoji mit einem guten Abschneiden in Rio Aufmerksamkeit erzielen zu können. Für ihn selbst ist es die erste Olympia-Teilnahme: „Wenn ich da einen der großen Tennis- oder Basketballspieler sehe, flippe ich bestimmt aus“, sagt er. Dass eines seiner Idole ihn auch erkennen könnte, glaubt Shoji aber nicht.

In seiner gesamten Volleyball-Karriere machte er erst zwei Punkte

Er ist es gewohnt, im Schatten zu stehen. Obwohl er eine andere Trikotfarbe trägt als seine Mitspieler, gehört er eher zu den unauffälligen Akteuren. Er baggert jeden Aufschlag sauber nach vorn, wehrt spektakuläre Bälle ab, „aber als Libero machst du keine Punkte. Deshalb werden wir auch am schlechtesten bezahlt“, sagt der 1,84 Meter große Athlet. Einmal ist es ihm dennoch gelungen: Im World-Cup-Spiel gegen Argentinien rettete Shoji einen Ball hinter der Grundlinie, der flog übers Netz und landete auf dem Boden der Gegner. „Ich glaube, einmal in der Uni ist mir etwas Ähnliches passiert. Das waren die einzigen Punkte, die ich je gemacht habe“, sagt er.

Seit er zwölf Jahre alt ist, sorgt Shoji als Libero dafür, dass die schwächeren Annahmespieler im Hinterfeld eine Pause bekommen. Er leistet damit die Basisarbeit, ohne die die spektakulären Angriffe nicht zustande kommen würden. Beim World Cup wurde Shoji als bester Libero ausgezeichnet, in den USA gibt es ab sofort einen nach ihm benannten Preis. Der Erik-Shoji-Award wird pro Saison an den landesweit besten Libero der Universitätswettbewerbe verliehen.

Wäre er größer, wäre er lieber Zuspieler geworden

Dennoch sagt er: „Wenn ich noch ein bisschen gewachsen wäre, wäre ich vielleicht Zuspieler geworden.“ So wie sein Bruder Kawika, der 1,92 Meter misst. Der ältere Bruder ist Vorbild und Konkurrent zugleich. Den Satz: „Kawika kann das viel besser“, hört man häufiger von Erik Shoji, zum Beispiel, wenn er davon spricht, neben dem Sport studieren zu wollen oder irgendwann einmal als Trainer zu arbeiten. „Ich glaube, das kann ich nicht so gut. Kawika kann das viel besser“, sagt er dann.

Bislang folgte er dem älteren Bruder stets auf dessen Pfaden: Nach Stanford, zu den BR Volleys, und auch in die Nationalmannschaft kam der jüngere Erik erst später nach. In die Türkei, wo Kawika Shoji derzeit spielt, wird Erik wohl aber wohl nicht so bald wechseln. „Die haben eine Ausländerbeschränkung und würden das viele Geld für einen internationalen Spieler nicht unbedingt in einen Libero investieren“, sagt er. Ob er seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag mit den BR Volleys verlängert, steht noch aus.

Beim Ping-Pong liegt er im Geschwisterduell vorn

„Mir gefällt es hier, aber ich kann mir auch vorstellen, noch einmal etwas anderes zu machen“, sagt Shoji. Ein gutes Abschneiden bei den Olympischen Spielen könnte ihm eine gute Verhandlungsposition verschaffen. Und dann, kurz bevor Susann Reed-Neumann das Rührei bringt, fällt ihm doch noch etwas ein, dass er besser kann als sein Bruder: „Ping-Pong spielen“, sagt Erik Shoji und grinst.

Der Text ist am 4. Januar 2016 in der Berliner Morgenpost erschienen.

Foto: Ricarda Spiegel

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