Deutscher Handball ist auf dem richtigen Weg

BRESLAU – Als Oberbürgermeister der Stadt Aschersleben ist Andreas Michelmann öffentliche Auftritt eigentlich gewohnt. Bei der Handball-Europameisterschaft in Polen erlebt der neue DHB-Präsident, der selbst 30 Jahre Handball gespielt hat, aber noch einmal eine andere Dimension der medialen Aufmerksamkeit. Im Interview spricht der 56-Jährige über seinen neuen Deutschland-Schal, innovative Ideen und  Vertrauen

ninjaswelt: Herr Michelmann, wie haben Sie die Spiele der deutschen Handballer bei der EM als DHB-Präsident erlebt?
Andreas Michelmann: Dazu kann ich gleich eine kleine Anekdote erzählen: Vor dem ersten Spiel reichte unser Teammanager Oliver Roggisch eine Schale mit Kaugummis herum, eigentlich kaue ich nie Kaugummi, aber das gehört zum Ritual, also nahm ich einen und dachte nicht mehr daran – bis ich in der Halbzeit auf mein Handy blickte. Ich hatte mindestens zehn Nachrichten mit Anweisungen, sofort den Kaugummi herauszunehmen. An die Fernsehbilder hatte ich natürlich nicht gedacht.

Aufgefallen ist auch der Fan-Schal, den Sie seit dem Spiel gegen Schweden über Ihrem Anzug tragen.
Den muss ich jetzt immer umhaben, der ist Teil unserer Fan-Kollektion. Zu dem Spiel gegen Schweden habe ich ihn das erste Mal umgehabt, und Oliver Roggisch hat gleich gesagt: „Wenn wir heute gewinnen, musst du den ab jetzt immer tragen.“

Bislang klappt das ganz gut, die deutsche Mannschaft zeigte zuletzt eine herausragende Leistung gegen Ungarn. Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung?
Bei den Männern sind wir genau auf dem Weg, den wir einschlagen wollten. Der radikale Umbau nach der sportlich verpassten WM-Qualifikation hat gut funktioniert. Das ist im Wesentlichen das Werk von Bob Hanning, der ja für vieles gescholten wurde, was sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat. Zuerst stand die Frage im Raum, warum der DHB einen ausländischen Trainer nimmt, inzwischen ist die Person Dagur Sigurdsson unumstritten, und auch der Wechsel des Mannschaftsarztes sowie die Verschlankung des Physiotherapeuten-Teams haben sich als richtig erwiesen. Das ist alles Teil des erfolgreichen Weges, auf dem wir gerade sind. Und der ist noch nicht zu Ende.

Zuschauer sollen auch die WM im frei empfangbaren Fernsehen verfolgen können

Was trauen Sie der Mannschaft bei dieser EM noch zu?
Die Mannschaft arbeitet ja mit ihrem Trainer wirklich von Spiel zu Spiel. Das hat man ja auch gesehen. Die Niederlage gegen Spanien hat sie nicht aus dem Rhythmus gebracht. Sie haben sich dann voll auf das Spiel gegen Schweden konzentriert, dann auf das Spiel gegen Slowenien, gegen Ungarn und so geht das jetzt weiter – gegen Russland (Sonntag, 18.15 Uhr, ARD), und dann werden wir weiter sehen gegen Dänemark (Mittwoch, 18.15 Uhr, ARD). Ein Erfolg ist die EM schon jetzt. Das kann man an dem Auftreten der jungen Mannschaft und auch an den Zuschauerzahlen von über fünf Millionen wie bei den Spielen gegen Slowenien und Ungarn ablesen. Es zeigt, dass es doch ein großes Zuschauerinteresse am Handball gibt und dass diese  noch sehr junge Mannschaft mit der Art und Weise, wie sie spielt, die Zuschauer an die Bildschirme locken kann. Das ist ein schönes Zeichen.

Harmonie zwischen DHB- Präsident Andreas Michelmann und Vizepräsident Leistungssport Bob Hanning. Das war nicht immer so. Foto: sampics Photographie/ Christina Pahnke
Harmonie zwischen DHB- Präsident Andreas Michelmann und Vizepräsident Leistungssport Bob Hanning.  Das war nicht immer so.
Foto: sampics Photographie/ Christina Pahnke

Für die WM 2017 in Frankreich heißt es allerdings, dass aufgrund der Rechteübertragung an BeIn Sports wieder keine Ausstrahlung der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland möglich sein wird – gibt es für den DHB Möglichkeiten, gegen diese Regelung vorzugehen, auch im Hinblick auf die Frauen-WM, die 2017 in Deutschland stattfindet?

Wir sind intensiv in Gesprächen mit IHF-Präsident Hassan Moustafa, und auch mit ARD und ZDF. Wir werden mehrere Wege beschreiten, um das Problem zu lösen, wobei wir da nur Mittler sein können. Entscheidend für unsere Zuschauer und für die Sportler ist aber, dass alle Seiten einen Schritt aufeinander zugehen und wir die Weltmeisterschaften 2017 im frei empfangbaren Fernsehen erleben können.

Auch bei den Frauen ist der Umbruch inzwischen erfolgt

Wie schätzen Sie die Situation der Frauen ein nach der verpassten Olympia-Qualifikation?
Bei den Frauen ist der Umbruch inzwischen auch erfolgt. Bei der WM hat die Mannschaft unter Jakob Vestergaard eine ganz gute Entwicklung genommen. Inzwischen ist der Stab der Frauen größer als bei den Männern. Nun ist es an den Frauen, diese Rahmenbedingungen auch zu füllen. Die Zielstellung für die Heim-WM 2017 ist ganz klar das Erreichen des Halbfinales.

Als Vizepräsident für Amateur- und Breitensport haben Sie den Beachhandball wieder etabliert, wie sind da die Zielsetzungen?
Durch die Variante im Sand machen wir den Handball in Deutschland zu einer ganzjährigen Sportart. Auch, weil bei den Olympischen Jugendspielen 2018 Beachhandball den Hallen-Handball ersetzt, haben wir uns entschlossen, im Beachhandball eine Variante zu sehen, die sowohl freizeit- als auch leistungsorientiert betrieben werden kann. Wir haben inzwischen zwei Nationalteams und sollte sich bei den Jugendspielen 2018 entscheiden, dass Beachhandball olympisch wird, ist unser Ziel 2024 mit vier Mannschaften Olympia-Medaillen zu holen.

Auch die Bundesliga wollen Sie für einige Partien aus der Halle holen, heißt es. Was hat es mit diesen Plänen auf sich?
Es geht einfach darum, auch mal etwas anderes zu probieren, um neue Publikumsschichten zu erschließen und ein anderes Feeling zu entwickeln. Das kann für Amateur- und Jugendmannschaften auf jeden Fall funktionieren.

Handball im Freien funktioniert für die Bundesliga eher nicht

Aber lässt sich das auch in der Bundesliga umsetzen?
Das wird wohl wegen der Statuten nicht gehen. Ein Spiel muss immer überdacht sein. Das war ja auch bei den bisherigen Handball-Spielen so, die in Fußballstadien stattgefunden haben. Allerdings sind die sehr groß, ein Tennisstadion würde sich besser eignen. Doch muss man bei allen innovativen Ideen auch die Verantwortung berücksichtigen, die man für die Topspieler hat. So ein Freundschaftsspiel kann man einfach abbrechen, wenn es anfängt zu regnen, aber das kann ich ja nicht bei einem Bundesligaspiel machen.

Inwieweit helfen Ihnen bei den neuen Herausforderungen im DHB Ihre Erfahrungen aus 21 Jahren als Oberbürgermeister von Aschersleben?
Als Oberbürgermeister hatte und habe ich einen langfristigen Plan. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in einer komplizierten Lage hilfreich ist, auch mal verrückte Ideen zu haben, um schneller voran zu kommen.

Wie wird man mit 34 Jahren Oberbürgermeister?
Das war eine Mischung aus politisch erwachsen, große Klappe und einer gute Zeit dafür nach der Wende. Ich hatte eine gute Mannschaft, mit der wir es geschafft haben,1994 einen Wechsel herbeizuführen. Und die, die meinten, ich wäre nach einem Jahr verschwunden, sind erstaunt, dass ich immer noch da bin.

Mit Urlaub und Freizeitausgleich zur Handball EM

Sie haben mal gesagt, für das Amt des DHB-Präsidenten wären Sie bereit gewesen, Ihrem Leben eine entscheidende Wendung zu geben. Hätte das geheißen, den Posten als OB aufzugeben?
Das war 2012/13, als es darum ging, den DHB neu aufzustellen. Mein Modell war in dem Zusammenhang ein hauptamtlicher Präsident mit zwei hauptamtlichen Vize-Präsidenten. Durchgesetzt hat sich aber die Variante mit einem hauptamtlichen Generalsekretär und einem ehrenamtlichen Präsidenten Bernhard Bauer. In dieser Konstellation wurde ich zum ehrenamtlichen Vizepräsidenten für Amateur- und Breitensport gewählt und war weiter Oberbürgermeister der Stadt Aschersleben.

In welchem Arbeitsumfang schlägt sich das Ehrenamt DHB-Präsident in Ihrem Alltag nieder, können Sie das in Wochenstunden angeben?
Ich hatte es mir am Anfang so vorgestellt, dass ich das stundenweise aufliste, habe mich jetzt aber anders entschieden: Wenn ich bei der Stadt bin, bin ich konsequent bei der Stadt, und wenn ich wie jetzt beim Handball bin, dann bin ich konsequent beim Handball.

Und was macht die Stadt Aschersleben, wenn ihr Oberbürgermeister bei der Handball-EM in Polen weilt?
Ich habe eine sehr gut eingespielte Mannschaft zu Hause, die das laufende Geschäft prima regelt. Im Notfall bin ich natürlich erreichbar, aber meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind so gut, die bekommen das auch alleine hin. Für die Zeit hier bei der Handball-EM nehme ich Urlaub. Und sonst geht so ein Ehrenamt natürlich auf Kosten der eigenen Freizeit, aber das war schon immer so.

Es ist wichtig, dass alle sich in ihrem Bereich entfalten können

Bob Hanning hat angesprochen, dass das Klima nicht nur in der Mannschaft sondern auch unter den Funktionären derzeit sehr angenehm ist. Welchen Anteil haben Sie daran?
Ich bin froh darüber, wie es läuft, und stolz darauf. Das Gefüge ist jetzt genau richtig: ein absoluter Toptrainer, der in Ruhe arbeiten kann, und eine Mannschaft, die sich voll entfalten kann. Als wir hier ankamen, habe ich zu Bob gesagt: Das ist dein Reich. Als Vizepräsident Leistungssport soll auch er sich voll entfalten können. Dazu gehört, um in der Handballsprache zu bleiben, auch dahinzugehen, wo es mal weh tut. Meine Aufgabe ist es, Brücken zu bauen, insbesondere zur Bundesliga und zu den Landesverbänden. Da sind wir auf einem guten Weg. Meine Aufgabe ist es auch, diese Harmonie, die wir hier unter uns haben, zu erhalten.

Würden Sie sagen, Sie sind ein Mensch, der viel Vertrauen in andere hat?
Ganz klar, ja. Ich habe mal gelernt: Wer viel Vertrauen schenkt, der erntet auch viel Vertrauen. Damit habe ich in meinen inzwischen 21 Berufsjahren gute Erfahrungen gemacht. Ich glaube, in der aktuellen Situation ist es auch ganz gut, dass es so ist.

Kurz nach ihrer Wahl hieß es, Handball-Ikone Heiner Brand wisse nicht, wer Sie sind. Weiß er es inzwischen?
Das weiß ich nicht. Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen. Das Angebot eines gemeinsamen Gesprächs steht aber.

Foto: sampics Photographie/ Christina Pahnke
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