Beachvolleyball im Iran: Bedenkliche Premiere

Zum ersten Mal findet ein Beachvolleyball-Turnier der Weltserie im Iran statt – allerdings nur für Männer. Die Frage ist, ob das Kisch Open einen Beitrag zu einer Öffnung des Iran beitragen kann oder ob der Weltverband das Turnier lieber nicht in ein Land geben sollte, das derzeit so weit von Gleichberechtigung entfernt ist

Auf den ersten Blick könnte Kisch kaum weltoffener sein. Für die Einreise auf die iranische Insel in der Provinz Hormozgan ist kein Visum nötig, sofern man nicht länger als zwei Wochen verweilen möchte. Kisch ist zudem eine Freihandelszone und damit Einkaufsparadies für Iraner und Touristen. Jetzt soll die knapp 92 Quadratkilometer große Insel im Persischen Golf als Versuchslabor für Beachvolleyball dienen.
Zum ersten Mal hat die Fédération Internationale de Volleyball (FIVB) ein Turnier der Weltserie an den Iran vergeben. Von Dienstag bis Freitag baggern 32 Teams um 75.000 US-Dollar Preisgeld, der Sieger erhält zudem 500 Weltranglistenpunkte. Beachvolleyball-Nationalspieler Markus Böckermann (30) und sein Partner, der gebürtige Berliner Lars Flüggen (25), sind topgesetzt.

Seit 2012 dürfen Frauen nicht mehr beim Volleyball zuschauen

Genau wie beim Open in Doha (4. – 8. April) dürfen im Iran nur Männer teilnehmen. „Das ist ungerecht“, findet Karla Borger, WM-Zweite von 2013. So können die Männer bei 13, die Frauen nur noch bei elf Turnieren Punkte für die Olympiaqualifikation sammeln. Der Ausschluss von Frauen geht im Iran allerdings weit über das Spielfeld hinaus. Seit der Revolution 1979 dürfen Frauen nicht mehr bei Fußballspielen zuschauen, 2012 wurde dieses Verbot auf den Volleyball ausgeweitet, der sich auch durch die Erfolge der iranischen Männer zum Nationalsport Nummer zwei entwickelt hat.
2014 wurde die Iranerin Ghontscheh Ghawami in Teheran zu einer Haftstrafe verurteilt, nachdem sie ein Spiel der Hallenvolleyballer besuchen wollte. Bei der Weltliga 2015 in Teheran durften Frauen keine Tickets kaufen, obwohl es zunächst hieß, das sei ihnen erlaubt. Im November 2015 versprach die FIVB, keine Turniere mehr in den Iran zu vergeben, bis die Verbannung von Frauen aus den Sportstadien offiziell aufgehoben würde. „Eine Grundvoraussetzung für die Vergabe des Turniers nach Kisch war, dass Menschen aller Geschlechter und Altersgruppen zusehen dürfen“, begründete FIVB-Pressesprecher Richard Baker die Entscheidung gegenüber dieser Zeitung. „Wir gehen davon aus, dass das auch passiert.“

Ohne Kopftuch schon am Flughafen abgefangen

Bei der Qualifikation am Montag war das Gelände um den Center Court zum ersten Mal frei begehbar. Vorher sei man nur durch einen bewachten Eingang an den als Men´s Beach beschilderten Strand gelangt, verrät Alexander Huber (30). Der österreichische Nationalspieler reiste mit Partner Robin Seidl (26) bereits am Sonnabend vom Trainingslager aus Dubai an, seine dortige Gastgeberin, Sara Nabiewa (Name geändert), kam spontan mit.
„Sie ist großer Beachvolleyball-Fan und dachte, das wäre eine tolle Möglichkeit zuzuschauen“, erzählt Huber. Am Flughafen von Kisch wurden sie direkt abgefangen und aufgefordert, sich ein Kopftuch umzubinden. Als sie am Sonnabend das Training von Huber/Seidl ansehen wollte, hat man sie nicht zu den Feldern gelassen. „Es hieß, sie trug die falsche Kleidung“, sagt Huber.
Auch auf den Nebencourts auf Kisch herrscht eine strenge Kleiderordnung – aber nur für Frauen. Bild: Alexander Huber
Auch auf den Nebencourts auf Kisch herrscht  strenge Kleiderordnung – aber nur für Frauen. Bild: Alexander Huber
Nabiewas Kleid reichte bis über die Knie. Im Hotel wurde ihr gesagt, die Polizei werde sie aufgreifen, sofern sie die Kleidervorschriften missachte. Inzwischen hat sie sich weitere Kleidung gekauft, um sich von Kopf bis Fuß zu bedecken. „Ich komme mir vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten“, sagt Nabiewa. Verhüllt konnte auch sie am Montag den iranischen Männern zuschauen, die in kurzen Shorts und ärmellosen Trikots bei 25 Grad und Sonnenschein am Strand spielten. Auch Böckermann/Flüggen haben auf der Tribüne Frauen gesehen. „Ich glaube, dass es Einheimische waren“, sagt Böckermann. Huber allerdings glaubt, dass er die drei iranischen Pressevertreterinnen gesehen hat, die mit ihm im Shuttle saßen.

Restriktionen haben nichts mir iranischer Tradition zu tun

Reporterinnen dürfen zu Männer-Volleyballspielen, das heißt nicht, dass iranische Zuschauerinnen erlaubt sind. „Ich glaube, im Iran kann derzeit kaum jemand etwas versprechen, das eine Nachhaltigkeit garantiert“, sagt Kaweh Niroomand. Der 63-jährige Geschäftsführer des Volleyball-Bundesligisten BR Volleys ist im Iran aufgewachsen. In der damaligen Schahzeit gab es noch keine islamischen Kleidervorschriften.
In den 60er Jahren konnten Frauen im Bikini ins Meer springen – in aller Öffentlichkeit – und nicht an einem eingemauerten Strandabschnitt wie heutzutage auf Kisch. „Im Iran sind diese Einschränkungen aber nicht aus Tradition gewachsen“, sagt Niroomand. „Man muss vollkommen unterscheiden zwischen der offiziellen, politisch bedingten und der wirklichen Seite. Eigentlich sind viele Menschen sehr fortschrittlich und offen.“
So seien viele Iraner daran interessiert, eine Öffnung des Landes herbeizuführen. Zu diesen Verfechtern gehört auch Reza Davarzani. Der Präsident des iranischen Volleyball-Verbandes hat viel investiert, um das Beachvolleyball-Event nach Kisch zu holen. Dazu gehören neben dem Preisgeld auch die Kosten für den Aufbau der Arena, die Unterkünfte für Spieler, Schiedsrichter und die Verantwortlichen der FIVB, die die Organisation vor Ort unterstützen. „Wir wollen, dass Beachvolleyball hier genauso populär wird wie Volleyball“, sagt Luciano Barbora. Seit einem Monat ist der Brasilianer Trainer der iranischen Beachvolleyball-Nationalteams.
Sport ist ein wirkungsvoller Hebel – finanziell und politisch, deshalb will der iranische Verband die Wettkämpfe im Land haben. „Wir wollen dem Sport hier die Tür öffnen, um ihn den Menschen zu zeigen“, sagt Barbora. Bleibt zu hoffen, dass damit alle Menschen gemeint sind.
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