Jesper Nielsen und die Lücke am Kreis

Jesper Nielsen ist bei den Füchsen Berlin für die Abwehr und die Würfe durch die Mitte zuständig. Der schwedische Kreisläufer wandelt auf den Pfaden seiner Vorbilder Marcus Ahlm und Magnus Wislander, die ihn zum Saisonende aus Berlin führen.

Jesper Nielsen ist nicht ganz zufrieden mit seiner Statistik. 50 Tore hat der Kreisläufer der Füchse Berlin in dieser Saison bislang erzielt, damit ist er unter den Kreisläufern der drittbeste Schütze der Liga. Drei Tore pro Spiel wirft der schwedische Nationalspieler im Schnitt, Rückraumregisseur Petar Nenadic trifft mehr als sieben Mal in einer Partie. „Ich hole aber meist noch zwei, drei Strafwürfe raus, die müsste man eigentlich dazuzählen“, sagt Nielsen.

Bei den Füchsen landen diese Siebenmeter allerdings so selten im gegnerischen Tor, dass Nielsens Bemühungen sich oft nicht rentieren. „Ich würde gern mehr Würfe machen“, sagt der 26-Jährige. Dieser Wunsch deckt sich mit dem seiner Trainers: „Ich würde gern, dass wir mehr Pässe zu Jesper spielen“, sagte Erlingur Richardsson vor dem Spiel gegen den Bergischen HC (Sonntag, 15 Uhr, Max-Schmeling-Halle).

Richardsson war selbst Kreisläufer, er weiß, wie wichtig der Mann, der in der Mitte von den Gegenspielern malträtiert wird und ohne Protektoren an Hüfte und Oberschenkel nicht aufs Feld tritt, für das Team ist. Auf den ersten Blick fällt der 2,02 Meter große Nielsen durch seine starke Abwehr auf. Offensiv ist er zumeist Arbeiter im Hintergrund, der Sperren stellt und Räume schafft für seine Mitspieler. Wenn aber die Abstimmung klappt und er sich absetzten kann, kommt es zu diesen Toren über den Kreis, die für Begeisterung im Publikum sorgen. Jannick Kohlbacher erzielte bei der Handball-EM ein solches Tor, als Spielmacher Steffen Fäth ihn mit einem feinen Rückhandpass bediente.

Bei den Füchsen sind derart trickreiche Zuspiele selten geworden, seit Iker Romero seine Karriere beendet hat. Peter Nenadic entscheidet sich oft, lieber selbst zu werfen, bevor die Pässe auf der Suche nach der Lücke am Kreis in den Fängen des Gegners landen – so wie beim Rückrundenstart gegen Melsungen. „Die Abwehr von Melsungen stand sehr kompakt“, sagt Erlingur Richardsson. Gegen die offensivere Deckung des Bergischen HC sieht der Füchse-Trainer mehr Möglichkeiten für das Anspiel an den Kreis. Nielsen und Nenadic hatten jetzt auch mehr Zeit, ihre Abstimmung zu verbessern. „Vor dem Spiel gegen Melsungen haben wir nur eine Woche zusammen trainiert, das hat man gemerkt“,sagt Nielsen.

Seit 2013 spielt der schwedische Nationalspieler in Berlin, es war die erste Auslandsstation für den heute 26-Jährigen. Bereits in seiner ersten Bundesligasaison machte er auf sich aufmerksam und entwickelte sich schnell zu einem der besten Kreisläufer der Liga. „Meine Entwicklung ist echt schnell gegangen, die Zeit in Berlin war dabei sehr wichtig“, sagt er. Zum Ende der Saison wird er die Füchse aber verlassen, der französischen Spitzenklub Paris St. Germain warb um Nielsens Dienste. Unter dem dortigen Trainer und ehemaligen Kreisläufer Noka Serdarušić wird er aller Voraussicht nach einen weiteren Leistungssprung machen. „Er hat meine beiden Vorbilder Marcus Ahlm und Magnus Wislander trainiert“, sagt Nielsen. Als 13-Jähriger konnte er sich nichts Besseres vorstellen, als das Foto, das er nach einem Spiel des THW Kiel mit Ahlm machen durfte. Zehn Jahre später stand er seinem Idol im Champions-League-Spiel mit dem IK Sävehof gegenüber. „Das war ganz groß für mich“, sagt Nielsen. Inzwischen ist er selbst ein Großer. „Jesper gehört zu den Top zehn, wenn nicht sogar zu den Top fünf Kreisläufern der Welt“, sagt Richardsson.

Mit seinem Abschied wird der Schwede eine große Lücke hinterlassen, die Berlins zweiter Kreisläufer Ignacio Plaza Jimenez nicht füllen können wird. „Es ist schwer für ihn, er muss mehr spielen“, sagt Richardsson, der momentan in der Bundesliga aber nicht auf Nielsens Qualität verzichten will. Der 22-jährige Spanier hat im Januar Spielanteile mit der zweiten Mannschaft gesammelt. In der B-Jugend der Füchse gibt es mit Felix Butzke und Rolando Urios (beide Jahrgang 1999) zwei Talente, die Hoffnung auf eine alsbald rosige Zukunft am Berliner Kreis machen. Für die kommende Saison ist Trainer Richardsson aber klar: „Wir brauchen einen neuen Mann in der Mitte.“

Foto:picture alliance / augenklick/firo Sportphoto

Der Artikel ist in geänderter Fassung auch am 21. Februar 2016 in der Berliner Morgenpost erschienen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s