Dank Youtube in die NFL

 Moritz Böhringer steht kurz vor dem Sprung in die National Football League. Er wäre der erste Spieler, der direkt aus Deutschand gedrafted wird.

Moritz Böhringer und Youtube – das ist eine vielversprechende Kombination. Als 17-Jähriger schaute er sich auf dem Videoportal einen Zusammenschnitt aus Spielszenen des Football-Profis Adrian Peterson an, der in der National Football League (NFL) für die Minnesota Vikings aktiv ist.

Böhringer, damals noch mit Fußball unterwegs, war beeindruckt von der Athletik Petersons und von dem Sport. Heute steht der inzwischen 22-Jährige kurz davor, selbst Spieler der NFL zu werden.

Wenn die 32 Teams vom 28. bis zum 30. April beim offiziellen NFL-Draft im Auditorium Theatre in Chicago ihre Kader für die kommende Saison zusammenstellen, haben sie den 1,94 Meter großen jungen Mann aus Aalen auf ihrer Liste.

Der Sprung in die GFL war ihm zu gewagt

„Dieser Junge ist unglaublich“, sagt sein ehemaliger Trainer Tom Nittel. 2011 schlug Böhringer mit ein paar Kumpels bei den Crailsheim Titans auf, da sie in Aalen nicht genügend Leute für eine Mannschaft zusammen bekamen. Nittel, Sportdirektor und Trainer der Titans, entdeckte ihn beim A-Jugend-Training. „Der ist sofort aufgefallen, ein langer Kerl, sauschnell.“

Relativ zügig landete Böhringer in der ersten Mannschaft in der Bezirksliga, nach drei Jahren diente Nittel ihn bei den Schwäbisch Hall Unicorns in der German Football League (GFL) an. Diesen Sprung von der vierten in die ersten Liga habe Böhringer sich gar nicht zugetraut, verrät Nittel, doch sein Schützling, der als Wide Receiver dafür zuständig ist, den Ball in Richtung Endzone zu tragen, avancierte zum wichtigsten Punktesammler für die Unicorns.

Mit 70 Fängen für 1461 Yards und 16 Touchdowns sorgte er in der höchsten deutschen Spielklasse für Aufsehen. „Für diese Saison rechnen wir aber nicht mehr mit ihm“, sagt Unicorns-Trainer Sigfried Gehrke.

Highlight-Video führt zum Schautraining

In seiner Stimme schwingen Bedauern und Stolz mit. Böhringer hat die US-amerikanischen Talentsucher auf sich aufmerksam gemacht – geholfen hat wieder Youtube: Aden Durde, der für die NFL in London arbeitet, hatte dort ein Highlight-Video von dem wendigen Athleten gesehen und ihn zum so genannten „Pro-Day“ eingeladen, einem Schautraining für Talentsichter der NFL in Florida.

Böhringer hatte diese Einladung zunächst für einen Scherz gehalten, denn seit die NFL Europe 2007 den Spielbetrieb einstellte, ist der Sprung in die USA für europäische Footballer unheimlich schwierig geworden.

Ungefähr 2500 College-Absolventen versuchen jährlich, in die beste Football-Liga der Welt aufgenommen zu werden – 256 können im diesjährigen Draft ausgewählt werden, der sieben Runden dauert. Böhringer hat das College übersprungen und wäre der erste Spieler in der Geschichte, der direkt aus Deutschland gedrafted wird.

Aus dem Stand 99 Zentimeter hoch gesprungen

So unwahrscheinlich ist das nicht, nachdem er die Scouts beim „Pro-Day“ mit einem 40-Yards-Sprint in 4,43 Sekunden auf Gras überraschte. Aus dem Stand sprang der 100-Kilo-Mann 99 Zentimeter hoch, auf Weite legte er 3,33 Meter vor.

Beim Bankdrücken konnte er 17 Wiederholungen mit 102 Kilogramm bieten. Auch bei den Passübungen überzeugte der Deutsche, ließ keinen einzigen Pass fallen.

„Da hat er eine krasse Nummer hingelegt“, staunt Björn Werner. „Ich war total perplex und habe ihn erst einmal gegoogelt.“ Der Berliner, der 2013 als erster deutscher Footballer bereits in der ersten Runde des NFL-Drafts ausgewählt worden war, schaffte den Sprung in die NFL über die Highschool in Salisbury und die Florida State University.

Momentan steht er ohne Arbeitgeber da, weil die Indianapolis Colts seinen Vertrag nach Saisonende nicht verlängerten. „Natürlich hatte ich gehofft, zu diesem Zeitpunkt schon ein neues Team zu haben“, sagt der 25-Jährige kürzlich im Interview mit „Spox“. „Aber mir wird immer wieder klar, dass es eben ein Geschäft ist.“

Der 22-Jährige bringt alles mit, was man nicht coachen kann

Auch Moritz Böhringer kann an diesem Wochenende Teil dieses Geschäfts werden. Durch den Draft erwerben die NFL-Klubs die Rechte an College-Spielern und Amateuren wie ihm. Böhringer wäre nach Sebastian Vollmer, Markus Kuhn, Kasim Edebali, Mark Nzeocha und Björn Werner der sechste Deutsche in der besten Liga der Welt – aber der einzige, der auf einer so genannten „Skill Position“ spielt, der also direkt Punkte erzielen kann. „Es könnte noch mal zusätzliche Werbung für American Football in Deutschland sein, wenn ein Deutscher auch mal einen Ball hat“, hofft er.

Der ganze Rummel um seine Person behagt Böhringer allerdings gar nicht. „Das alles ist nicht so meine Welt. Ich bin eher ein ruhiger Familienmensch“, sagt der Maschinenbau-Student. Diese Bodenständigkeit kann ihm in der Anfangszeit nur helfen, denn er wird bei allem Talent eine Weile brauchen, um sich an das Tempo und die Härte in der NFL zu gewöhnen.

Für den Klub, der ihn verpflichtet, wäre er eher eine Langzeit-Investition – allerdings eine, die sich lohnt, glaubt Tom Nittel. „Er bringt einfach alles das mit, was man nicht coachen kann.“ Außerdem würde seine Geschichte allen Spielern in einem noch so kleinen Verein Hoffnung geben, dass der Sprung möglich ist – dem Internet sei Dank.

Der Text ist am 26. April in der Berliner Morgenpost erschienen.

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