„Es ist nichts Komisches, sich Handlungen einzustudieren“

Sportpsychologin Anett Szigeti (36, 2. von rechts) ist Teil des Gold-Teams um die Beachvolleyball-Spielerinnen und Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst. Im Interview spricht sie über Angstgegner, Druck, das unterbewusste Einstudieren schlechter Handlungen, und die steigende Akzeptanz von Mentalcoaching

Frau Szigeti, seit dem Olympiagold von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst ist das Thema Sportpsychologie und Mentalcoaching auch durch Ihre Arbeit mit dem Team etwas mehr in den Vordergrund gerückt — wie empfinden Sie das?
Anett Szigeti: In einigen Bereichen hakt es noch ein bisschen, aber ich empfinde es auch so, dass es sich verändert. Ich glaube, dass die Sportpsychologie den Weg rausfinden sollte, etwas mit Erkrankung und Schwäche zu tun zu haben. Es geht vielmehr darum: Wie werde ich in einem Bereich besser? Das ist ein großer Unterschied. Dahin kommen die Menschen jetzt. Das liegt auch daran, dass andere Bereiche langsam ausgeschöpft sind. In vielen Sportarten kannst man mit neuen Materialien nicht mehr so viel verändern, irgendwann ist eine Grenze erreicht, und du merkst, dass du nicht immer zu jeder Tages- und Nachtzeit deine Leistung gut abrufen kannst, wenn du mental nicht gut eingestellt bist. Dann kannst du auch so viel Krafttraining machen wie du willst.

Was hat Sie dazu bewogen, Sportpsychologin zu werden?
Die Idee mit Sportpsychologie hatte ich schon während des Abiturs. Ich habe Leichtathletik betrieben, Siebenkampf, mich immer wieder verletzt, und immer wieder von vorne angefangen. Es war immer im Kopf entscheidend, dass ich weitergemacht habe, das fand ich unheimlich spannend. Damals gab es den Studiengang der Sportpsychologie aber noch nicht. Also habe ich Sport und Psychologie einzeln studiert, und anschließend eine Ausbildung zur Sportpsychologin beim asp- Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie gemacht, aber auch eine Ausbildung als Systemische Beraterin absolviert.

Das heißt, Sie arbeiten nicht ausschließlich im Bereich der Sportpsychologie?
Ich bin 20 Stunden in der Klinik und den Rest in der Sportpsychologie. Ich finde die Kombination richtig gut. Im klinischen Bereich behandle ich verschiedene klinische Störungen und gebe Seminare. Es ist gut zu wissen, wo die Grenzen sind zur Sportpsychologie, das ergänzt sich beides sehr gut.

„Man muss jeder Sache Raum geben, und herausfinden, woher das kommt“

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Ludwig/Walkenhorst gekommen?
Thorsten Weidig (Mentaltrainer von Markus Böckermann und Lars Flüggen, Anm. d. Red.) hat mich vor drei Jahren gefragt, ob ich an den Olympiastützpunkt in Hamburg kommen will. Dann lief es ganz klassisch. Das Team hat jemanden sucht, es sollte eine Frau sein, und wir haben uns einzeln zusammengesetzt und geschaut, ob es passt. Dann wurde es immer mehr, und schwuppdiwupp saß ich in Rio.

Welches Phänomen erleben Sie am häufigsten im Mentalcoaching, hat man viel mit Selbstzweifeln zu tun?
Das ist natürlich bei jedem anders, aber ich glaube, es sind am ehesten Gedanken wie: „Ich könnte es nicht schaffen“ oder „Oh mein Gott, ich könnte ja gewinnen“. Oder, dass Routinen fehlen und die Leute hektisch werden, zu schnell Sachen machen, und auf ihre Ressourcen nicht mehr vertrauen, obwohl sie die 200 Mal in der Woche im Training üben und da auch alles abrufen konnten. Der Rest ist gerade in Mannschaftssportarten viel Kommunikation.

Und wie arbeitet man daran?
Ich bin kein Fan davon, Grundsatztools zu verteilen. Man muss jeder Sache Raum geben, herausfinden, woher das kommt und dann erst damit arbeiten. Wichtig ist, dass man begreift, dass es nichts Komisches ist, sich Handlungen einzustudieren. Man darf ja nicht vergessen, dass man sich viele Dinge vorher unterbewusst schlecht einstudiert hat.

Nehmen wir mal ein Beispiel: Immer, wenn es knapp ist am Satzende, verschlage ich meinen Aufschlag. Was würden Sie mir sagen?
Ich würde das zuerst einmal durchgehen: Was geht dir durch den Kopf? Wie ist deine Körperhaltung? Was sind für Emotionen da? Wie atmest du, wenn du da stehst, und woran merkst du überhaupt, dass diese Angst hochkommt? So eine Angst oder Bedenken sind ja eigentlich immer für etwas gut, nur eben in dem Moment nicht. Du müsstest wertschätzen, dass dieser Gedanke kommt, extra gut sein zu wollen, aber diesen Gedanken musst du in irgendeiner Form umwandeln – so, dass es für dich glaubhaft ist und du es auch anwenden kannst, wir nennen das Reframing.

Beispiel-Reframing:

„Immer am Satzende mache ich einen Aufschlagfehler“
Reframing: „Wenn es knapp wird, möchte ich dem Team am Satzende mit einem druckvollen Aufschlag helfen“

„Wenn man jemanden auf ein Podest stellt, bleibt er dort auch stehen“

Ein klassisches Beispiel ist auch ein Angstgegner, kann ich den auch reframen?
Ich glaube, auch da ist die Frage: Was ist in deinem Kopf? Oh Gott, gegen den verliere ich immer? Oder: Der ist viel besser als ich? Kerri Walsh ist so ein typischer Angstgegner. Ich glaube, dass viele Spielerinnen sie zu dem machen, weil man sie so wahrnimmt, sie sich so präsentiert, und die Leute das auch annehmen. Sie ist genauso ein Mensch wie jeder andere auch, und sie hat auch Schwächen. Ich bin ja kein Beach-Volleyball-Experte, aber selbst ich sehe Schwächen von ihr im Spiel. Wenn man jemanden auf ein Podest stellt, dann bleibt er da auch stehen. Ich glaube übrigens auch, es gibt keinen Druck. Auch den macht man sich selber, genau wie den Angstgegner. Das ist meist für etwas gut, weil man dann besonders wachsam ist. Wenn du dadurch aber schlechter spielst, solltest du etwas verändern.

Wie kann ich dafür sorgen, dass äußere Einflüsse wie beispielsweise Rufe der gegnerischen Fans mein Spiel nicht negativ beeinflussen?
Man gewöhnt sich an Geräusche, die sind nicht mehr oder weniger da. Man kann also versuchen, sie anders zu bewerten oder man rückt andere Sinne in den Vordergrund. Du kannst nicht gleichzeitig wahrnehmen, was du spürst, schmeckst, siehst, hörst, riechst. Das ist eine Interferenz. Das heißt, du kannst selber bestimmen, welche Sinne du wahrnimmst. Wenn man Sachen anfängt zu fühlen oder zu sehen, dann kann man nicht mehr hören oder es zumindest nicht bewusst verarbeiten. Aber das muss man natürlich üben.

Oft gibt es auch die Situation, dass die beiden Partner sich im Spiel nicht helfen können. Wie kann man lernen, sich nicht als Einzelspieler sondern als Team zu begreifen?
Ich glaube, erst einmal ist es für jeden Spieler wichtig zu sagen: Was brauche ich, wenn es blöd läuft? Was kann ich dir geben, wenn es bei dir blöd läuft? Darüber muss man wirklich offen reden und sich drei, vier Sachen rausnehmen und die immer wieder üben. Man kann dazu auch ein Prognosentraining machen, das heißt, unter Druck trainieren und dabei nur die Kommunikation trainieren. Danach bespricht man das.

„Du solltest immer mit der Überzeugung auf den Platz gehen, dass du das  auch wirklich willst“


Manchmal gibt es ja auch solche Momente, in denen der eine Partner sauer auf den anderen ist, vielleicht weil der Fehler macht. Dann entsteht so eine Sperre, und man kann den anderen nicht aufbauen. Was macht man da?

Man sollte überzeugt davon sein, dass der andere nie einen Fehler aus Absicht macht. Jeder kann Fehler machen. Dann heißt es abklatschen und schauen, was man beim nächsten Ball besser machen kann, als Team. Die Sperre hat ja mit einem selbst zu tun. Der Partner wird nicht besser spielen, wenn er den Unmut spürt. Auch hier sollte man noch einmal zwei, drei Schritte zurückgehen und überlegen, ob man da überhaupt sein will. Du solltest immer mit der Überzeugung auf den Platz gehen, dass du das hundertprozentig willst. Das gilt für den Freizeitbereich auch. Es bringt ja keinen Spaß, wenn einer oder mehrere Leute das nicht wollen, dann bist du mehr damit beschäftigt, dass du sauer bist, als dass du Spaß hast an dem, was du tust.

Was macht man, wenn einem im Spiel plötzlich irgendein Termin durch den Kopf schießt oder eine Situation aus dem Privatleben. Wie kann sich davor verschließen?
Ich würde es gar nicht verschließen. ich würde sagen: Vielen Dank für diesen Gedanken. Entweder würde ich ihn bildlich für mich abgeben, zum Beispiel an jemand der auf der Tribüne sitzt und sagen: Danke, ich beschäftige mich nach dem Spiel auf jeden Fall damit. Wenn es Sachen gibt, die man häufiger hat, dann muss man die aufschreiben (vor dem Spiel oder in der Auszeit) und sagen: Damit beschäftige ich mich danach. Wenn man es wegdrängt, wird es immer wieder hochkommen, dann kannst du es noch so runter stampfen, das geht leider nicht. Dann kommt es irgendwann zu den blödesten Momenten hoch, wenn du gar nicht damit rechnest.

„Ein Sportpsychologe ist niemand, der im Vordergrund herumhampelt“

Seit dem Olympiasieg stehen Sie auch Sie ziemlich im Fokus, Sie halten sich aber lieber im Hintergrund, warum?
Ich glaube, die Rolle des Sportpsychologen verändert sich, und auch wir werden wahrgenommen. Gleichzeitig arbeiten wir an sehr persönlichen und intimen Bereichen der Sportler. Wenn ich Fragen zu Kiras oder Lauras psychischem Zustand gestellt bekomme, finde ich das immer wieder ganz niedlich. Als würde ich das beantworten, das entspricht ja nun nicht unserem Arbeitsethos. Ich will auch nicht, dass wir Sportpsychologen nicht wahrgenommen werden, aber ich möchte nicht, dass Psychologen wahrgenommen werden als jemand, der da im Vordergrund rumhampelt und sich überdimensional wichtig nimmt. Bei dem Physiotherapeuten ist es ähnlich, der tritt auch nicht in den Vordergrund, ist aber genauso Teil des Teams.

Würden Sie sagen, dass das was Sie gerade machen, Ihr Traumjob ist?
Ich glaube, mein Traumjob ist diese Vielfalt, gerade beides zu machen – Sportpsychologie und Systemische Therapie. Und es gibt im Sport noch ganz andere Bereiche als eine klassische Wettkampfbetreuung oder klassische Betreuung von Hochleistungssportlern. Was ist mit dem Nachwuchs, was ist mit Sporttraumata, was ist mit denen, die es nicht schaffen? Da sind noch ganz viele auch neue Bereiche, wie die Neuropsychologie, es bleibt spannend.

Dieses Interview wurde am 19. September auch auf beach-volleyball.de veröffentlicht.

Foto: FIVB

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