Silvio Heinevetter: „Ich habe einen Panzer entwickelt“

Im Januar sah es so aus, als könnte  Silvio Heinevetter (31) der Verlierer des Jahres werden. Deutschlands Triumph bei der EM hatte der Handball-Torwart, der hierzulande lange das Gesicht seines Sports war, nur als Zuschauer erlebt. Nach der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Rio und der Klub-Weltmeisterschaft mit den Füchsen Berlin ist er wieder oben auf. Im Interview spricht er über Zufriedenheit,  klare Worte an seiner Mitspieler und die Vergänglichkeit von Erfolg

Herr Heinevetter, Ihr Finalsieg bei der Klub-WM in Doha fiel genau in Katars „Dry Days“. Wie begießt man denn den Weltpokal so ganz ohne Alkohol?
Silvio Heinevetter: Ach, wenn du die ganze Woche während des Turniers nur Wasser trinkst, freust du dich auch extrem über eine Cola. Ein Highlight war auch Wasser mit einer Zitronenscheibe. Das war aber auch das Höchste der Gefühle. Insgesamt war das natürlich eher lau.

Wo haben Sie denn gefeiert?
Wir sind in ein Restaurant gegangen, saßen da relativ lange und haben gegessen – wenn man das feiern nennen kann. Man kann ja in Doha auch nicht ausgehen. Es ist zu der Jahreszeit unmöglich, auf die Straße zu gehen. Es sind eigentlich 35 Grad, aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit sind es gefühlt eher 55 Grad.

Am Wochenende hatten Sie frei, haben Sie das Feiern da ein bisschen nachgeholt?
Das Wochenende war super.

Sie waren am Samstag in Ihrer alten Heimat beim RB Leipzig, haben Sie sich über den 1:0-Sieg gegen Dortmund gefreut?
Es war das erste Bundesligaspiel in Leipzig seit ewiger Zeit. Das ist natürlich mega, dass eine Oststadt wieder die Chance hat, Bundesligafußball zu sehen. Der Sieg war verdient, sagen wir es mal so. Fan bin ich nicht, ich hoffe nur, dass es eine spannende Saison wird. Die da oben können ruhig ab und zu mal verlieren.

„Ich wusste gar nicht, dass wir minus sieben gelegen haben“

Sie haben bei der Klub-WM mit Paris Saint-Germain auch ein Team von ganz oben besiegt. Wie schafft man es, an die Chance zu glauben, wenn man 20 Minuten vor Schluss sieben Tore zurückliegt?
Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass wir minus sieben gelegen haben. Wenn du kurz vor Schluss so im Rückstand bist, ist das etwas anderes, aber 20 Minuten sind noch so eine lange Zeit, verhältnismäßig, da ist normalerweise noch alles möglich. Das Einzige, was dann passiert, ist, dass du ein bisschen risikoreicher spielst, machst vielleicht mal einen langen Pass, den du im Normalfall nicht machen würdest –­ Ente oder Trente.

Sie haben nach dem Spiel in der Kabine zu Kent Tönnesen gesagt: Ich habe das gewusst. Was war da gemeint?
Als Kent reingekommen ist, war er ein bisschen verunsichert. Er stand dann ein-, zweimal relativ frei in der Luft, und keiner hat ihn angegriffen. Ich habe ihm dann im Spiel gesagt, dass die ihn unterschätzen, und dass er einfach mal werfen soll, wenn er frei ist. Das hat er dann auch gemacht und gleich zweimal getroffen.

Mit was für einem Gefühl gehen Sie nach diesem Erfolg in die Saison?
So einen Titel zu holen, ist erst einmal Weltklasse. Ich bin wiedergekommen aus Rio, war zwei, drei Tage krank, habe jetzt sieben Spiele gemacht mit den Füchsen und ein Handballtraining. Zusammen zu spielen bringt schon viel, um sich aufeinander einzustellen, manchmal mehr, als zusammen zu trainieren. Dennoch sind wir natürlich gewarnt von letzter Saison. Wir müssen zusehen, wie wir uns in der Abwehr stabilisieren. Bei aller Euphorie, der Abgang von Jesper Nielsen wiegt schwer. Wir haben das jetzt in Doha mit Drago Vukovic und Paul Drux neben Jakov Gojun ganz gut hingekriegt, aber wenn wir nicht genug Körperlichkeit ins Spiel bringen, wird es schwer.

Und offensiv?
Ich glaube, dass wir nicht mehr so ausrechenbar sind. Gerade, weil wir zwei Zugänge im Rückraum haben mit Paul Drux, der uns in der letzten Saison so lange verletzungsbedingt gefehlt hat, und mit Svenni.

Warum nennen Sie Steffen Fäth Svenni?
Weil er ein Svenni ist. Svenni ist manchmal ein bisschen verpeilt. Der Inbegriff von kleiner Verpeiler ist für mich ein Svenni.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich eine Schwächephase hatte“

Wichtig ist auch die Leistung des Torhütergespanns. Ihr Trainer Erlingur Richardsson und Füchse-Manager Bob Hanning haben in der vergangenen Saison ein Leistungstief bei Ihnen gesehen. Bundestrainer Dagur Sigurdsson hat Sie nicht mit zur EM genommen, wie haben Sie sich aus dem Loch wieder herausgeholt?
Ich kann mich eigentlich gar nicht daran erinnern, dass ich eine Schwächephase hatte. Ich habe einfach nicht mehr gespielt. Petr Stochl hat gut gehalten, dann ist es auch normal, dass er das nächste Spiel wieder spielt.

Für Sie war also alles in Ordnung so?
Ich war natürlich auch nicht zufrieden damit, dass ich nicht so viel gespielt habe, aber letztes Jahr war letztes Jahr, und man sollte da jetzt auch nicht so viel rein interpretieren.

Vor Rio wollten Sie kein Interview geben. Erst mal was machen, bevor man groß quatscht, sagten Sie. Ist das als statistisch bester Torhüter des Turniers mit 40 Prozent gehaltenen Bällen gelungen?
Ach, Statistiken, da gucke ich gar nicht drauf, das interessiert mich nicht. Interviews gebe ich generell nicht oft, ich habe mal ein Jahr überhaupt nicht mit irgendjemandem geredet, einfach nur, weil ich Leute nicht mag, die zu viel reden. Es ist mir auch egal, ob in der Zeitung etwas Gutes oder Schlechtes über mich steht.

War das schon immer so?
Nein. Es gab Momente, in denen ich richtig sauer war, als ich die Zeitung aufgeschlagen habe. Das war auch an Personen gebunden, und dann habe ich auch zu Zeitungen aus Berlin gesagt, dass ich mit ihnen gar nicht mehr rede. Aber in den letzten Jahren habe ich einen gewissen Panzer entwickelt. Es interessiert mich nicht mehr, ich kann selber einschätzen, ob das gut war oder nicht, was ich gemacht habe.

„Wer nicht glücklich mit einer Medaille ist, ist fehl am Platz“

Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass Sie im finalen Kader für die Olympischen Spiele stehen?
Es war mein Ziel, und ich bin auch davon ausgegangen, dass ich dabei bin. Für mich war klar, dass die Nominierung nur ein Schritt ist und nichts, worüber man sich jetzt groß freuen oder drauf ausruhen kann. Das ist ja nicht das Ende vom Weg. Du willst dabei sein, du willst aber nicht nur dabei sein. Du willst auch was holen.

Das ist mit der Bronzemedaille ja auch gelungen. Haben Sie sich denn danach mal gefreut?
Wir haben eine Medaille geholt. Wer da nicht glücklich ist, ist auch fehl am Platz. Aber das nimmt man direkt danach nicht so wahr. Ich glaube, das bekommt erst paar Jahre später einen anderen Stellenwert.

Sind Sie auch mal zufrieden?
Ich bin schon zufrieden. Und ich lasse das meine Mannschaftskollegen dann auch spüren. Wenn ich aber nicht zufrieden bin, lasse ich sie das genauso spüren. Es ist aber nicht so, dass ich jemanden beleidige oder angehe, wenn er mal nicht gut spielt. Der kriegt auch Feuer, aber zielgerichtet. Wenn ich weiß, einer ist ein bisschen zarter besaitet, dann kann man da nicht draufhauen. Bei einem anderen, der was abkann, muss man auch mal ein hartes Wort finden. Das ist alles im Sinne der Mannschaft. Aktuell geht es immer weiter, man ist in dem Rad drin, muss im nächsten Spiel wieder Leistung zeigen. Man kann nicht sagen: Boah, wir sind so stolz. Das wäre ja wie in den Urlaub gehen, das ist jetzt aber gerade nicht Phase. Das gilt genauso für den Weltpokal. Verlierst du das nächste Spiel, ist alles wieder vergessen.

Zum Beispiel gegen den Aufsteiger GWD Minden, den Sie heute im ersten Heimspiel der Saison empfangen (19 Uhr, Max-Schmeling-Halle)?
Minden ist eine sehr erfahrene und unangenehme Mannschaft. Unterschätzen darf man die nicht. Gerade wir nicht. Wir spielen zu Hause, haben jetzt den Weltpokal gewonnen, wollen unseren Zuschauern etwas bieten. Ich glaube, das wird kein einfaches Spiel, wir haben in der Vergangenheit auch schon oft gegen die verloren, aber wenn wir unsere Leistung aufs Feld bringen, müssen wir Minden schlagen.

Was ist Ihr Saisonziel?
Ich will gegen Minden gewinnen.

„Harz ist ein Mittel, das für Dreher und technische Finessen eingesetzt wird“

Ernsthaft jetzt, das ist Ihr Saisonziel?
Ja, dann wäre ich wirklich zufrieden. Erst mal. Weiter vorausschauen, das bringt nichts. Das ist auch schwer für den Kopf. Unterbewusst unterschätzt du dann automatisch den nächsten Gegner.

Einmal müssen wir doch vorausschauen: Ende 2017 will der Weltverband IHF den Harz durch einen selbstklebenden Ball vom IHF-Partner Molten ersetzen, was halten Sie von diesem Einfall?
Harz ist so ein Mittel, das gerade für Dreher und technische Finessen eingesetzt wird, die das Spektakuläre vermitteln. Man weiß nicht, ob dieser Ball, der ja angeblich so ein Wunderwerk sein soll, das kompensieren kann. Ich hab zwar als Torhüter noch nie in einen Harztopf gegriffen, aber Harz gehört einfach dazu, das ist ja, als würde man den Turnern das Magnesium wegnehmen. Das würde schon den Handball verändern, aber das ist ja auch noch nicht fix. Aktuell kommt da sehr viel Gegenwind. Ich möchte auch nichts dazu sagen, warum die Regelung kommt. Das kann sich jeder denken.

Dieses Interview ist am 14. September in der Berliner Morgenpost veröffentlicht worden.

Foto: Reto Klar

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