„Ich musste mir hier erst Respekt verschaffen“

Im vergangenen Sommer kam Füchse-Trainer Erlingur Richardsson (44) als nahezu unbeschriebenes Blatt nach Deutschland. Inzwischen hat der Isländer, der vorher in Österreich als Handball-Trainer gearbeitet hat, die Füchse Berlin zu zwei Titeln bei der Klub-WM geführt. 

In der deutschen Liga, in Pokal und EHF-Cup gibt es noch Nachholbedarf. Vor dem Heimspiel-Doppelpack gegen Balingen-Weilstetten (Sonntag 17.15 Uhr) und Stuttgart (Mittwoch, 19 Uhr, beides Max-Schmeling-Halle) spricht der Trainer über sein erstes Jahr in Berlin, die Bedeutung von Titeln und seinen anti-autoritären Führungsstil.

Herr Richardsson, Füchse-Manager Bob Hanning sitzt seit dieser Saison bei den Heimspielen nicht mehr auf der Trainerbank. Hat sich dadurch etwas für Sie verändert?

Erlingur Richardsson: Eigentlich nicht. Das war seine Entscheidung, dadurch gibt er Max Rinderle die Chance, sich als Assistenztrainer der Profi-Mannschaft zu etablieren. Es war aber gut mit Bob, wir haben uns viel ausgetauscht.

Das hat man von außen auch gesehen. Sie, Bob Hanning und Volker Zerbe haben unheimlich viel während des Spiels kommuniziert. Haben Sie sich damit wohl gefühlt?

Ja, ich finde das gut. Ich will mit meinen Trainern sprechen, wenn wir spielen. Wir kommunizieren viel über die Situationen, die Spieler, wie wir wechseln.

Andere Bundesliga-Trainer treffen die Entscheidung als Cheftrainer allein, stehen mehr im Vordergrund.

Das ist nicht mein Stil. In Deutschland denken die Menschen, es wäre ein Zeichen von Schwäche, wenn der Cheftrainer sich beraten lässt, und es wirkt nach außen stark, wenn man sich so präsentiert, als würde man alles kontrollieren. Mir ist das egal. Ich habe das Wissen über den Sport und bin selbstbewusst genug, andere Meinungen neben meiner gelten zu lassen. Ich finde, gerade durch den Diskurs über den Sport kann man viel bessere Ergebnisse erzielen.

„Mit den Spielern spreche ich ab und zu Englisch“

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Ihrem neuen Assistenztrainer Max Rinderle (29)?

Das ist eine wesentliche Veränderung, weil Volker Zerbe ja als Sportdirektor viele andere Aufgaben bei den Füchsen hat, und für mich ein großer Vorteil. Wir tauschen uns aus, sehen gemeinsam die Videos an und bereiten das Training vor. Max soll wissen, dass er seine Ideen einbringen kann und wir offen darüber reden. Außerdem hilft mir das, meine Deutschkenntnisse zu verbessern, wenn ich jeden Tag mehrere Stunden mit jemandem Deutsch spreche.

Ist es manchmal schwierig für Sie, dass die Sprachkenntnisse noch fehlen, um ihre Gedanken besser übermitteln zu können?

Das ist ab und an ein Problem. Manchmal würde ich zwei, drei Wörter mehr benötigen, um genau das ausdrücken zu können, was gerade in meinem Kopf ist. Mit den Spielern spreche ich ab und zu Englisch, gerade bei Einzelgesprächen, aber ich muss natürlich die Sprache lernen. Ich arbeite jeden Tag daran.

Wenn Sie auf das letzte Jahr zurückblicken, war es schwer, hier zu starten?

Auf jeden Fall. Natürlich auch wegen der Sprache. Es war insgesamt ein schwieriges Jahr. Ich denke, mehr noch für die Spieler und den Klub. Man darf nicht vergessen, dass Dagur Sigurdsson und Bob hier sechs Jahre lang zusammengearbeitet und etwas aufgebaut haben. Da eine neue Person zu installieren, braucht Zeit. Ich bin hier hergekommen, ein ganz neuer Typ, der nicht den Plan hat, alles zu kontrollieren. Ich möchte die Spieler einbeziehen in Entscheidungsfindungen, sie sollen selbstständig denken. Ich habe sie gefragt, ob meine Vorstellungen zum Team passen. Ich glaube, das war für viele neu. Zudem hatte ich weder als Trainer noch als Spieler einen großen Namen. Da muss man schon ziemlich hart arbeiten, um sich den Respekt zu verschaffen. Ich war ein großes Fragezeichen für die ganze Handballwelt in Deutschland. Das ist aber auch die Art, wie Bob arbeitet. Er gibt gern Spielern und Trainern eine Chance. Dagur kam auch mit wenig Erfahrung als Trainer aus Österreich. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Chance hier bekommen habe.

Waren Sie mit der ersten Saison insgesamt zufrieden?

Wir hatten sechs neue Spieler, außerdem mit Paul Drux und Mattias Zachrisson zwei Langzeitverletzte und mich als neuen Trainer. Wir brauchten etwas Zeit, um herauszufinden, was funktioniert. Ich finde, dafür haben wir einen sehr guten Job gemacht.

„Ich mag, dass Bob und Volker beide Typen sind mit einer direkten Ansprache“

Gab es mal eine Zeit, in der Sie dachten, dass die Füchse und Berlin vielleicht doch nicht das Richtige für Sie sind?

Ja, klar, manchmal hat man auch Tage, an denen man sich fragt: Was machen wir hier eigentlich? Aber das ist ja in anderen Jobs auch so. Manchmal gibt es harte, manchmal gute Tage, das ist das Leben.

Was haben Sie in solchen Momenten gemacht, haben Sie sich mit Bob Hanning ausgetauscht?

So viele solcher Momente hatte ich jetzt auch nicht. Aber wenn ein Problem aufgetaucht ist, haben wir darüber gesprochen. Ich mag, dass Bob und Volker beide Typen sind mit einer direkten Ansprache. Da muss man sich nie Sorgen machen, es würde hinter dem Rücken etwas ablaufen. Das ist auch meine Gangart. Von Mann zu Mann. Ansonsten spreche ich viel mit meiner Ehefrau, denn es geht ja nicht immer nur um Probleme mit dem Job, es geht auch darum, was wir hier in Deutschland machen. Manchmal haben die Kinder schwere Tage. Manchmal denkt man, der einfache Weg wäre es, woanders hinzugehen, aber ich glaube, es ist eigentlich egal, wo du lebst. Überall hast du Dinge, mit denen du umgehen musst.

Wie sehr half und hilft Ihnen der Titel bei der Klub-WM bei der Akzeptanz?

Ich bin nicht so der Trophäen-Sammler. Natürlich will ich gewinnen, aber es geht mir weniger um die Titel als darum, dass das Team einen guten Handball spielt. Für den Klub ist das super und für das Team, vor allem, dass wir jetzt innerhalb von 14 Monaten zwei Titel gewonnen haben. Das zeigt uns, dass wir etwas richtig machen, gerade gegenüber den Menschen, die vielleicht ihre Zweifel hatten, ob das alles so funktioniert bei den Füchsen. Aber wir haben auch andere Ziele, die wir erreichen möchten.

Welche denn?

Wir wollen Final Four spielen im DHB-Pokal und im EHF-Cup.

Das hat in der vergangenen Spielzeit nicht geklappt. Warum können Sie diese Ziele jetzt vielleicht erreichen?

Wir haben mehr Spieler und viele Wechselmöglichkeiten, wenn einer müde ist. So können wir das Tempo hoch halten und unseren Rhythmus besser beibehalten. Im vergangenen Jahr hatten wir viele verletzte Spieler, da funktioniert das nicht. Petar Nenadic und Drago Vukovic mussten richtig viel spielen, da hatten wir wenig Chancen zu wechseln und mussten Tempo rausnehmen. Aber auch jetzt können wir so natürlich nur spielen, wenn alle fit sind.

„Es ist nicht zielführend, darüber nachzudenken, welcher Gegner danach kommt“

Sind Sie mit der Abwehr zufrieden, hier muss der Abgang von Jesper Nielsen kompensiert werden?

Erst war ich nicht so zufrieden, aber inzwischen läuft es in die richtige Richtung. Mit Drago und Paul klappt das Zusammenspiel gut, und mit Kresimir Kozina in der zweiten Position sind wir auf einem guten Weg. Dass wir so viele Gegenstöße spielen können, ist ein Zeichen für eine gute Abwehr- und Torhüterleistung.

Sie haben noch kein Spiel verloren, haben jetzt mit Balingen und Stuttgart Gegner, die man vom Papier her schlagen sollte, wie sehen Sie die nächsten Wochen der Füchse?

Da werden Sie keine klaren Antworten von mir bekommen. Ich schaue tatsächlich immer nur auf das nächste Spiel. Es ist nicht zielführend, darüber nachzudenken, welcher Gegner danach kommt. Nur so kannst du dich voll auf die Vorbereitung und das Spiel konzentrieren.

Dass Sie mal davon träumen, in der Champions League zu spielen, werden wir von Ihnen also eher nicht hören?

Träume kann ich ja haben und hoffen, dass sie wahr werden. Aber solche Zielsetzungen müssen vom Klub kommuniziert werden. Natürlich haben wir intern darüber gesprochen, aber ich rede nicht gern darüber. Wir müssen uns auf die nächste Aufgaben konzentrieren.

Dieses Interview wurde am 25. September in der Berliner Morgenpost veröffentlicht.

Titelfoto: Sergej Glanze

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