„Die Deutschen haben das nötige Selbstvertrauen“

Kroatiens Handball-Legende Ivano Balic spricht über das WM-Duell mit Deutschland und erklärt, warum Erfolge auch Kopfsache sind.

ROUEN.  Ivano Balic ist in Kroatien ein Held. Neben Fußballer Davor Suker und Tennisspieler Goran Ivanisevic ist der zweimalige „Welthandballer des Jahres“ (2003 und 2006) der wohl berühmteste Sportler des Landes. Mit ihm als Spielmacher feierte Kroatien zwischen 2003 und 2012 die bislang erfolgreichste Zeit seiner Geschichte. Seit 2015 ist der Olympiasieger von 2004 und Weltmeister von 2003 Koordinator für den kroatischen Männerhandball. Vor dem entscheidenden Spiel gegen Deutschland um den Gruppensieg bei der WM in Frankreich an diesem Freitag (17.45 Uhr, Livestream auf handball.dkb.de) spricht der 37-Jährige über Veränderungen im kroatischen Verband, alte Bekannte und das neue Selbstbewusstsein der deutschen Handballer.

Herr Balic, fünf Mal schon gab es die Begegnung Deutschland gegen Kroatien bei internationalen Turnieren. Deutschland hat noch kein einziges Mal gewonnen, warum nicht?
Ivano Balic: Ich glaube, qualitativ haben sich die Spieler nichts genommen, es gab aber einen Unterschied in der Mentalität. Wir hatten viel Selbstvertrauen. Wenn du mit der Überzeugung in das Spiel gehst, dass du gut bist, gewinnst du am Ende mit fünf Toren.

Ist das immer noch so?
Heute und hier sehe ich dieses Selbstvertrauen bei den Franzosen und auch bei den Deutschen. Wir suchen noch nach unserem Spiel. Wir sind zwar sicher im Achtelfinale, aber jedes Spiel war hart. Besonders die jungen Spieler haben gut trainiert in den vergangenen Wochen, aber wir spielen noch nicht so, wie wir trainieren.

Hat sich die Mentalität der Kroaten und der Deutschen umgekehrt?
Ich hoffe nicht, aber es sieht ein bisschen so aus. Wir hatten zuletzt einige Probleme, haben viel verändert, neue junge Spieler, die noch einiges lernen müssen. Für unser Team hoffe ich, dass es sich im Turnierverlauf steigert. Wenn das für die Goldmedaille reicht, umso besser, aber wenn es der fünfte Platz wird, ist es auch okay, wenn man sich nur in jedem Spiel steigert.

Der fünfte Platz war schon zweimal der Auslöser für einen Trainer-Rücktritt in Kroatien. Ist die Erwartungshaltung in Ihrem Land manchmal zu hoch?
Manchmal? Immer! (lacht) Aber das ist normal, denn Handball hat bei uns eben eine lange Erfolgshistorie. Seit 2003 bis zum letzten Jahr haben wir immer Medaillen geholt. Ich würde mir nur wünschen, dass der fünfte Platz ebenfalls respektiert wird, wenn man sieht, dass das Team sein Bestes gibt. Das wird aber nicht passieren.

Sie haben sich dafür eingesetzt, dass Trainer Zeljko Babic seinen Rücktritt nach Platz fünf bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro später zurückgenommen hat. Warum?
Ich denke, er ist ein guter Coach, der zurückgetreten ist, weil er eine Medaille erwartet hatte. Wir haben viel darüber gesprochen, auch über die Dinge, die ich nicht so gut fand. Den fünften Platz fand ich respektabel, daher ist es für mich nur logisch, dass er auf dem Posten bleibt. Und ich denke, er hat dann auch eingesehen, dass es nicht das Schlechteste ist, Trainer der kroatischen Nationalmannschaft zu sein.

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Ivano Balic gut gelaunt nach dem  Interview

Sie sind jetzt seit zwei Jahren Teamkoordinator, würden Sie gerade bei so einem großen Wettbewerb gern wieder mitspielen?
Wenn du etwas liebst und du kannst das über 20 Jahre machen, so wie ich, dann ist das die beste Sache der Welt. Ich habe jede Sekunde genossen. Der Job jetzt ist total anders. Ich sitze den ganzen Tag auf meinem Hintern, aber es ist schön, etwas aufzubauen.

Was zum Beispiel?
Ich versuche gerade, einiges zu verändern. Ich integriere unsere alte 3:2:1-Deckung bei den Nachwuchsmannschaften. In der Offensive will ich zurück zu den Basics und das Spiel von dort ordentlich aufbauen. Das macht Spaß, aber das ist ein Prozess, der einige Jahre braucht. Ich muss geduldig sein.

Kroatien könnte gerade jetzt einen Spielmacher Ihres Kalibers gut gebrauchen. Ihr Nachfolger Domagoj Duvnjak hat als Schlüsselspieler erhebliche Knieprobleme. Wie geht es ihm?
Er hat große Schmerzen, ich glaube, er fühlt sich körperlich wie ein ausgedrückter Schwamm, aber er ist ein Kämpfer, er will unbedingt spielen und in alles involviert sein. Wir haben ihn gegen Chile und auch im Training zuletzt geschont. Ich hoffe, seine Knie halten weiter durch und er kann gegen Deutschland so lange wie möglich spielen.

Was erwarten Sie von dem Spiel gegen Deutschland?
Es ist ein Spiel um den ersten Gruppenplatz (Deutschland reicht ein Unetnschieden, d.Red.), aber es ist mir egal, ob wir gewinnen oder verlieren. Für mich ist nur wichtig, dass die Mannschaft sich steigert, dann hat sie auch Chancen gegen die Deutschen.

Sie haben von 2013 bis 2015 in der Bundesliga in Wetzlar gespielt und dort auch Ihre Karriere beendet. Freuen Sie sich aufs Wiedersehen mit alten Kollegen?
Oh ja, auf jeden Fall. Das war eine tolle Zeit mit Steffen Fäth, Tobias Reichmann, Andreas Wolff und Jannick Kohlbacher.

Steffen Fäth spielt die gleiche Position wie Sie und sagt, er habe viel von Ihnen gelernt. Wie hat er sich in Ihren Augen entwickelt?
Steffen ist ein Topspieler, das hat man in der Hinserie in Berlin nicht so gesehen, auch weil er nicht so viel gespielt hat. Er muss aber noch verstehen, dass er so ein guter Spieler ist und das in jedem Spiel zeigen. Das ist natürlich schwierig, aber zumindest muss man mit dieser Attitüde aufs Feld gehen. Er könnte viel selbstbewusster sein, die Fähigkeiten hat er.

Gegen Deutschland haben Sie schon große Siege gefeiert, wie präsent sind Ihre Erinnerungen an das WM-Finale von 2003 oder das olympische Finale 2004?
Sehr. Diese beiden Goldmedaillen waren der Höhepunkt meiner Karriere, unserer ganzen Generation. Ich war so stolz, es war unglaublich. Bei der WM hatten sich Stefan Kretzschmar und Volker Zerbe verletzt, das war ein großes Handicap, und das olympische Finale in Athen war bis zum Schluss offen. Es waren zu diesem Zeitpunkt sicher die beiden besten Teams, die dort gespielt haben.

Das gilt auch für die Gruppe C bei dieser WM. Bei einem Sieg fahren sie 130 Kilometer nach Paris, bei einer Niederlage 870 Kilometer nach Montpellier, ist Ihnen das wirklich egal?
Nein, ich möchte lieber nach Paris.

Fotocredit: Felix König, Agentur 54 Grad

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