Wenn Handball Nebensache wird 

Uwe Gensheimer freute sich auf die Handball-Weltmeisterschaft mit der deutschen Mannschaft in seiner neuen Heimat Frankreich. Der Tod seines Vaters stellt den Kapitän der deutschen Handballer nun vor eine schwere Prüfung.

 Mutiger Schritt nach 13 Jahren als Löwe

Der Titel war gleichzeitig das Abschiedsgeschenk für Gensheimer, der nach 13 Jahren bei den Löwen den Schritt ins Ausland wagte, und innerhalb kürzester Zeit zum Leistungsträger und Publikumsliebling beim französischen Tabellenführer Paris Saint Germain HB avancierte. Zwischendrin gewann er noch die olympische Bronzemedaille mit der deutschen Auswahl in Rio de Janeiro. „Mehr Umbruch geht eigentlich nicht“, sagte Gensheimer noch am vergangenen Donnerstag.

Er war voller Vorfreude auf die WM, bei der er sein Team nach der Vorrunde in Rouen in seine neue Heimatstadt Paris führen will, wo die Endspiele stattfinden. „Unsere Wohnung ist leider nicht so groß, dass die ganze Mannschaft darin übernachten kann“, sagte er lachend. „Aber es wäre natürlich richtig cool, wenn wir das ganz Große dort erreichen, wo jetzt meine neue Heimat ist.“

Nur drei Tage später stellte das Leben den gebürtigen Mannheimer vor eine schwere Prüfung: Am Sonntag verstarb überraschend sein Vater Dieter (60). Die WM-Vorfreude wich der Trauer. Themen wie Gruppengegner oder die Übertragung der Spiele im deutschen Fernsehen, die noch die Gespräche der vergangenen Woche dominiert hatten, sind plötzlich an Nebensächlichkeit kaum zu überbieten. Am letzten Testspiel, das Deutschland 33:16 gegen Österreich gewann, nahm der Kapitän nicht teil, Teammanager Oliver Roggisch hatte ihn zu seiner Familie nach Friedrichsfeld gebracht.

EM-Titel wegen Verletzung verpasst

„Er soll sich die Zeit nehmen, die er braucht“, sagte Roggisch. Am heutigen Mittwoch reist die Mannschaft gegen 12.30 Uhr mit dem Bus nach Rouen. Das erste Spiel gegen Ungarn findet am Freitag statt. Ob der Kapitän dabei sein wird, ist noch nicht klar. „Ich denke, er kommt mit“, sagte DHB-Vizepräsident Leistungssport Bob Hanning. „Ob schon am Mittwoch oder später, kann ich nicht sagen, aber es wäre schön, wenn Uwe die Mannschaft zum Erfolg führen könnte.“

Uwe Gensheimer ist nicht der geborene Siegertyp: Jahr für Jahr schrammte er mit den Rhein-Neckar Löwen an einem Titel vorbei. Von seinen 131 Länderspielen für die A-Nationalmannschaft fällt ein Großteil in die Zeit, in der Deutschland weit hinter den Erwartungen zurückblieb, die Olympischen Spiele 2012 verpasste, sogar die Europameisterschaft 2014 sowie die sportliche Qualifikation für die WM 2015 in Katar. Trotz seiner Verletzung war er im vergangenen Januar nach Polen gereist, um dem Team als Kapitän beizustehen. „Das war auch hart“, gab er zu. „Ich habe viele Jahre mitgemacht, in denen es nicht so erfolgreich lief, wir mussten viel Kritik einstecken. Dann läuft es so gut, und ich bin verletzt, während die Mannschaft den EM-Titel holt.“

Wechsel nach Frankreich hat ihn gestärkt

Vieles sprach bislang dafür, dass dies nun sein WM-Turnier werden könnte. In Paris ist Uwe Gensheimer in einem mit Welthandballern gespickten Kader derzeit der beste Werfer. Vier Mal wurde er schon zum Spieler des Monats gewählt. „Ich denke, dass der Schritt, sich aus der Komfortzone mal herauszuwagen und sich in einem ganz anderen Umfeld noch einmal neu zu beweisen, mir mehr Selbstvertrauen gegeben hat“, sagte er. In den französischen Medien ist die Aufmerksamkeit für den Handball derzeit sehr groß. Das französische Fernsehen zeigte teilweise anderthalbstündige Talkshows nur über Handball und die bevorstehende WM im eigenen Land.

Auch über den Sicherheitsaspekt macht Gensheimer sich Gedanken, schließlich erfolgten die Anschläge in Paris 2015 wenige Wochen, nachdem er seinen Vertrag bei Saint Germain HB unterschrieben hatte. „Klar, man denkt darüber nach, aber es war in keiner Sekunde so, dass ich überlegt hätte, den Schritt nicht zu gehen“, sagte er.

„Unsere Gedanken sind bei seiner Familie“

Der Mannheimer fühlte sich von Anfang an wohl in seiner Wohnung am Prinzenpark, wo die Straße immer gesperrt wird, wenn Spiele von PSG-Fußball stattfinden. „Ich persönlich habe noch keine Situation erlebt, in der ich mich unsicher gefühlt habe“, sagte er. Vielmehr bemerke er die Bemühungen, damit die Menschen sich sicher fühlen. „Schlimm genug ist, dass ich nachher bestätigt wurde, dass es nicht nur in Paris oder Frankreich ein Thema ist, sondern auch in Deutschland. Das ist eher das Bedrückende“, sagt Gensheimer.

Jetzt muss er aber erst einmal mit seinem persönlichen Schicksalsschlag fertig werden, und seine Teamkollegen können nichts anderes tun, als ihm bestmöglich beizustehen. „Unsere Gedanken sind bei Uwe und seiner Familie“, sagte Dagur Sigurdsson.

 

 

Dieser Text ist am 11. Januar 2017 in der Berliner Morgenpost erschienen.

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