Mut zur Brille

Wer von euch kennt diesen Moment? Kontaktlinsen rausgenommen und keine Ahnung, wo die Brille liegt? Beim Beachvolleyball-Turnier geht die Linse kaputt und ihr habt keinen Ersatz mitgenommen? Ich habe aus gut 20 Jahren mit extremer Kurzsichtigkeit so einige Geschichten gesammelt, die ich gern mit euch teilen möchte. Heute geht es um mein Verhältnis zu meiner Brille. Wir führten bislang eine Zweckbeziehung. Ich brauchte sie, aber ich mochte sie nicht. Wie sie dazu steht, habe ich nie gefragt. Jetzt ist sie weg und ich habe mir fest vorgenommen, es mit meiner Neuen anders zu machen.

Der Schreck kommt verspätet, dafür aber gewaltig. Etwa eine Stunde, nachdem mir in Italien mein gesamtes Reisegepäck geklaut wurde, und ich gerade ziemlich stolz darauf bin, wie ruhig ich diese doch recht einschneidende Episode meistere, kletterte ein kaltes Gefühl meine Brust hinauf. Der Hals schnürt sich zu. Scheiße. Meine Brille war im Koffer. Und alle meine Kontaktlinsen. Ich trage Tageslinsen.

Da wollte jemand unbedingt meine Brille haben.

„Super, ab morgen seh ich nichts mehr.“ Bei knapp minus acht Dioptrien pro Auge ist dieser Gedanke nicht mal übertrieben. Um das mal zu veranschaulichen: Wenn ich nachts meinen Wecker stelle, halte ich ihn keine Fingerbreit von meiner Nase entfernt, um erkennen zu können, um welche Zeit er klingeln soll. Wenn ich die Linsen abends herausnehme, ohne mir die Brille vorher danebengelegen zu haben, findet eine langwierige, für Umstehende recht lustige Suche nach der Nadel im Heuhaufen statt, dabei ist die Nadel größentechnisch eher eine Nähmaschine.

Wer selbst eine starke Brille tragen muss, weiß, was ich meine. Sie ist kein Accessoire, das ich aufsetze, um besonders intellektuell rüberzukommen. Bislang war sie für mich ein Störenfried, der meine Augen verkleinert, meiner Nase Druckstellen verpasst, mein Gesicht verändert und aus mir einen unsicheren Menschen macht. Warum eigentlich? Als ich elf oder zwölf Jahre alt war und die Diagnose der Kurzsichtigkeit bekam, fand ich das zunächst recht lustig. Ich suchte mir eine lila-gesprenkelte Brille mit türkisfarbenen Bügeln aus und fand das gar nicht schlimm.

Erst mit den Kommentaren, die so ab dem Gymnasium losgingen, entwickelte sich das negative Gefühl, das bis heute angehalten hat.

 

Könnte auch an der Frisur gelegen habe, aber ich schiebe das mal auf die Brille

 Warum ich euch das erzähle, hat mehrere Gründe: Auf der Suche nach einer neuen Brille, (da sich mit meinem letzten Modell ja nun irgendwelche Diebe in Italien vergnügen, die die Welt nun vermutlich in verrückten Kurven sehen), bin ich auf einen Optiker gestoßen, bei dem ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, ich kaufe mir etwas, das Spaß macht. Zum anderen habe ich nach meinem zweiten Tag mit der neuen Brille schon wieder so einige Kommentare gehört, die offenbaren, wie wenig Menschen, die nicht auf so eine Sehhilfe angewiesen sind, eigentlich von dem verstehen, was ein Brillenträger durchlebt. Und wie sehr sie mich mit ihren unbedachten Äußerungen noch immer verunsichern können.

Meisterliche Beratung

Der Optiker Schönhelden in der Thaerstraße in Berlin wurde mir empfohlen. Eigentlich bin ich seit 1997 treue Kundin bei meinem Optiker in Schmargendorf, der mir auch meine erste Brille angepasst hat. Er ist wahnsinnig nett, inzwischen wohne ich aber am anderen Ende der Stadt, also dachte ich mir, ich geb mal etwas Neuem die Chance. Der Laden von Lars Düngel ist sehr ansprechend. Am Eingang steht eine Tischtennis-Platte, Dackel Hannelore begrüßt mich gleich beim Reinkommen. Im Messlabor hängen der Meisterbrief von Groß-und Urgroßvater Düngel liebevoll eingerahmt. Der alte Tresen des Großvaters steht vorne im Verkaufsraum. Fast zwei Stunden nimmt Mitarbeiterin Jessica Lorenz sich Zeit für mich, erklärt mir ganz genau die Vor- und Nachteile von allen Varianten, die so für mich zur Verfügung stehen: Harte Linsen, weiche Linsen, Brille. Auch eine Operation, das Lasern der Augen, beleuchtet sie unter mehreren Gesichtspunkten. Hierzu plane ich noch einen separaten Text, falls euch das interessiert.

Das ist Hannelore. Sie sucht glaub ich gerade gerade ihre Brille

Ich habe noch nie so einen ausführlichen Überblick bekommen, nicht mal vom Augenarzt. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass sie mir etwas aufschwatzen will. Sie ist ehrlich und gründlich. Beim Messen stellt sie fest, dass ich seit nun fast einem Jahr falsch angepasste Kontaktlinsen auf meinem linken Auge getragen habe. Die Hornhautverkrümmung war verkehrt gemessen worden, meine linke Linse hätte andere Werte haben müssen. Auf einmal hab ich gar nicht mehr so ein schlechtes Gewissen, dass ich mal einen anderen Optiker ausprobiert habe.

Dann kommt der spannendste Teil: Die Auswahl des Gestells. Ich möchte etwas dezentes. Zuletzt trug ich eine recht breite Brille mit braunem Rand. Sie verdeckte durch die dicke Fassung sehr gut die Dicke meiner Brillengläser, war aber unheimlich schwer und hinterließ stets tiefe Furchen auf meiner Nase.

Wir fanden ein rundliches, dezentes, leicht goldenes Gestell. Es stach nicht so hervor, ließ mein Gesicht weiblich wirken, es gefiel mir. Irgendwie fühlte es sich an wie shoppen gehen, und das bei einer Brille. Jessica bemühte sich auch, mir alle Nachteile, die bei diesem Gestell eventuell auftreten könnten, zu erläutern, Stichwort: Erwartungshaltung setzen.

Bei so einem schmalen Rahmen wird es schwer, die Dicke der Gläser zu vertuschen zum Beispiel. Mir war das alles bekannt. Ich weiß, dass eine Brille mit Fensterglas anprobiert nie so aussieht, wie mit den fertigen Gläsern. Nur drei Tage später rief sie an, die Brille sei fertig. Vorsichtshalber legte ich Wimperntusche auf und trug etwas hellen Lidschatten über dem Auge auf. Bei Minus acht Dioptrien werden die Augen einfach so verkleinert, dass ich immer einen Schreck bekomme, wenn ich eine neue Brille aufsetze.

Erwartungshaltung setzen

Und trotz aller Warnungen und trotz all des Wissens, das ich schon seit gut 20 Jahren mit mir herumtrage, war ich im ersten Moment wieder enttäuscht, als ich die Brille aufsetzte. Auf einmal kam sie mir viel größer vor. Ich war kurz nicht sicher, ob Jessica das richtige Modell bestellt hatte. Ich kam mir mit meinen winzigen Augen schon wieder unzulänglich vor. Ich beschloss aber, sie dieses Mal nicht sofort gleich wieder abzusetzen und auf die Kontaktlinsen zurückzugreifen. Ich wollte mich mit ihr anfreunden. In jede Schaufensterscheibe warf ich einen flüchtigen Seitenblick, keine Ahnung, was ich erwartet habe, dort zu sehen. War auch nach mehreren Stunden immer noch ich, Mist.

Mit elf, noch total selbstbewusst. Verrückt.

Abends war ich mit einer guten Freundin essen. Ihr gefiel die Brille richtig gut. Das machte Mut und veränderte meine Einstellung direkt ein bisschen mit. Am nächsten Tag war ich schon selbstbewusster und ich beschloss, sie weiter zu tragen. Dazu hier mal ein kleiner Tipp: Wenn ihr einen Freund/Freundin, Kollegen, Familienangehörigen oder wen auch immer trefft, der eine neue Brille trägt, spart euch bitte auf jeden Fall folgenden Satz: „Deine neue Brille ist ja gewöhnungsbedürftig.“ Denn stellt euch vor: Das geht dem Träger genauso. Bei jedem Blick in den Spiegel erschrickt man sich erstmal vor sich selbst und redet sich gut zu. Wenn man sich nun auch noch Gedanken machen muss, um die armen nahestehenden Menschen, die sich nun an etwas Neues gewöhnen müssen, dann das einfach mal zu viel verlangt, alles klar? Daher: Wenn ihr was Positives zu sagen habt, sagt es. Ansonsten einfach mal den Mund halten. Eure Worte haben eine Wirkung. Und auch, wenn jeder Mensch versucht, sich nicht von dem Urteil anderer abhängig zu machen, so ist das gerade in Situationen, die an Unsicherheiten geknüpft sind, nicht immer leicht. Plus: Eine angefertigte Brille kann man auch nicht einfach mal eben zurückgeben.

Eine Brille ist teuer. Ich zahle pro Glas etwa 200 Euro. Je nach Gestell kommen dann am Ende etwa 600 Euro raus. Du kannst eine Brille niemals so anprobieren, wie sie dann am Ende aussieht, denn kein Mensch macht sich die Arbeit und fertigt komplizierte Gläser an, die der Kunde dann am Ende zurückgehen lässt. Diese Möglichkeit gibt es einfach nicht, jedenfalls nicht für den Großteil der Menschen mit einem mittelmäßig gefüllten Konto. Du gehst also in einen Laden, kaufst dir für das Geld, von dem andere einen ganzen Urlaub zelebrieren können, etwas, das du eigentlich gar nicht haben willst und hoffst, dass es am Ende nicht komplett kacke aussieht.

In meinem Fall war es eine komplett neue Erfahrung. Nach zwei Tagen Gewöhnung, mag ich meine Brille inzwischen richtig gern. Das hat auch viel mit dem Gefühl zu tun, das ich im Laden hatte, als ich sie anprobiert habe. Es tut unheimlich gut zu erleben, wie viel Mühe Lars und Jessica sich geben, dem Muss, eine Brille zu tragen mit Spaß, Ästhetik und Freude am Handwerk zu begegnen.

*Dieser Text enthält meine persönliche Meinung. Ich wurde nicht dafür bezahlt, mich positiv über die Schönhelden zu äußern. Es war für mich eine besondere und überraschend schöne Erfahrung, die ich gern teilen möchte. Vielleicht hab ihr ja eine ähnliche Beziehung zu eurer Brille wie ich sie hatte und wollt das gern ändern.

Fotocredit Titelbild: pixabay

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