Trainer, stell mich auf!

Wenn die Hallensaison beginnt, flirrt immer so eine schöne Energie durch die VolleyballWelt. Alle sind mehr oder weniger braungebrannt aus dem Urlaub zurück und fiebern motiviert dem ersten Spieltag entgegen. Meist gibt es aber da schon den ersten Dämpfer.

Bei einem Team von etwa zwölf Leuten bekommt üblicherweise nicht jeder die Spielanteile, die er oder sie sich während der ersten Trainingswochen erträumt hat.

Ich spiele seit über 20 Jahren Volleyball, und keine Diskussion habe ich auf Rückfahrten so häufig gehört wie die darüber, wer wie viel gespielt hat und ob das gerecht war oder nicht. Sowohl im Auto als auch auf dem Feld habe ich dabei alle möglichen Rollen eingenommen: Trainerin, Stammspielerin, Reservistin. Bei Letzterem habe ich Dinge über mich gelernt, die ich lieber nicht gewusst hätte:

Ich hasse es, draußen zu sitzen. Ehrlich, wenn ich bei einem Volleyballspiel zusehen will, kaufe ich mir ein Ticket. Natürlich, Teamgeist ist wichtig, die Gemeinschaft, jeder leistet seinen Beitrag und so weiter. Wenn ich die Wasserflaschen und  Kleidungsberge von der einen auf die andere Feldseite trage, fällt es mir aber doch schwer, daraus irgendeine Auswirkung auf den Spielstand abzuleiten. Und dann soll ich auch noch anfeuern, dieses hochfrequente „hey ho, Punkt“ kostet so viel Überwindung, wenn man früh um sieben Uhr aufgestanden ist, mehrere Kilometer zurückgelegt hat und sich dann die Beine in den Bauch steht.

War das ein Winken? Oh schade.

Nicht zu vergessen, diese Aufregung, wenn der Trainer sich hektisch umblickt, gern beim Spielstand von 15:23. Hat er mich jetzt angesehen oder die Spielerin neben mir? Hoffnung keimt auf. War das ein Winken? Oh, schade, der Satz ist vorbei. Oder noch schlimmer: Beim Sprint zur Wechselzone verheddert sich die Trainingshose in den Knieschonern, Einsatz verpasst. Langsam dämmert mir, dass heute wohl wieder nicht der Tag sein wird, an dem der Coach mein großes Talent erkennt.

Besonders interessant wird es, wenn ich merke, dass in meinem Inneren ein Widerstreit tobt zwischen dem Wunsch, meine Mannschaft möge gewinnen und der Hoffnung, dass sie mich dafür unbedingt braucht. Mir gefällt der Instagram-Post von Egor Bogachev. Nachdem die BR Volleys die Deutsche Meisterschaft gewonnen hatten, schrieb Bogachev, der Ersatzspieler war: „When you´ve done nothing in a group project and still got an A“ (Wenn du nichts zu einem Gruppenprojekt beigetragen hast und trotzdem eine Eins bekommst). Egor trug es mit Humor, auch wenn er sicherlich gerne gespielt hätte.

Letztendlich wollen wir alle gesehen werden, uns einbringen. Die Situation ist sowohl für Trainer als auch für Spieler nicht leicht, das gilt für den Profibereich genauso wie für den Breitensport. Das Momentum des Spiels, der soziale Aspekt, Gewinnen wollen, die Ausbildung von Nachwuchstalenten, Trainingsbeteiligung, das alles spielt zusammen bei der Entscheidung, wer am Ende auf dem Feld steht. Ist ja auch in jedem Sport so. Komplett logisch. Ich verstehe das total. Solange es um die Anderen geht. Also Trainer: Stell mich auf!

Diese Kolumne wurde im Volleyball Magazin 10/2018 veröffentlicht, S. 53.

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